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Aurízia Anica
Zivilisation der Gewalt

Fallstudien über weibliche Gewaltopfer im 19. Jahrhundert - warum dieser Zeitraum?
Aurízia Anica: Weil in dieser Zeit die Grundlagen unser heutigen Welt entstanden sind.
Was haben Sie herausgefunden?
Es ist sehr interessant, das sich ändernde Verhalten des juristischen Systems gegenüber Frauen im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu beobachten.
Warum?
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts wurden Frauen, die Anzeige wegen heute sogenannter “häuslicher Gewalt” erstattet hatten, gar nicht erst angehört. Solche Prozesse hatten normalerweise keinen Erfolg. Die Agressoren wurden nicht verurteilt. Dann, nach und nach, fingen die Gerichte an, zuzuhören. Zuerst mit Befangenheit und später dann mit dem offensichtlichen Willen, die männliche Gewalt, die die Ursache war (und immer noch ist), zu unterbinden.
Gibt es eine Tradition der häuslichen Gewalt an der Algarve?
Ja, ja und nochmal ja! Bis zur Hälfte des 18. Jahrhunderts galten die Gesetze des alten Regimes. Der Ehemann hatte das Recht, ja die Pflicht seine ungehorsame Gattin zu bestrafen. Er konnte sie schlagen, solange sie nicht schwer verletzt, entstellt oder gar zum Krüppel wurde. Diese Praxis resultierte aus der” männlichen Überlegenheit”. Es war an der Tagesordnung. Das Familienoberhaupt hatte das Recht, seine Frau zu bestrafen, wenn sie seine Autorität nicht genug geachtet hat. Bis etwa 1850 gelangten solche Fälle nur ans Gericht, wenn die Frau in Folge der Gewalt verstorben war.
Bis vor kurzem dachten noch alle, dass die Justiz Verbrechen aus Leidenschaft eher vergeben, wenn sie von Männern begangen wurden.
Im 19.Jahrhundert wurde Gattenmord nicht verurteilt, wenn die Männer ihre Ehefrauen beim Ehebruch in flagranti ertappt hatten. Andersrum wurden Frauen, die ihre Ehemänner beim Ehebruch erwischt und getötet hatten, verurteilt.
Ein betrogener Mann hatte das Recht seine Frau umzubringen?
Ja.
Haben Sie solche Fälle gefunden?
Ich sah Situationen, in denen Männer vermuteten, dass ihre Frauen einen Geliebten haben und sie dafür bestraften. Es existieren solche Fälle. Am Anfang des Jahrhunderts waren sie bedeutungslos. Die Justiz hatte im allgemeinen Verständnis für den gewalttätigen Ehemann. Langsam aber sicher passte dann die Justiz strikt das Gesetz an und sagte deutlich, dass solche Motive unannehmbar sind. Im Grunde sprechen wir über ein Phänomen, dass eine Verbindung zu heutigen Geschehnissen hat.
Sind wir dem 19. Jahrhundert ähnlich?
Ich würde gerne sagen das wir heute besser dran sind, habe aber meine Zweifel.
Erinnern sie sich an einen Fall der sie schockiert hat oder in ihrem Gedächtnis bleibt?
Eine Frau, die nackt viele Kilometer läuft, um Klage einzureichen. Im Zusammenhang mit dem 19. Jahrhundert wirkt es fast wie eine Filmszene.
Halten Sie die Anstrengungen unserer Politiker für ausreichend, um mit der häuslichen Gewalt fertig zu werden?
Es ist nicht einfach, die Realität der häuslichen Gewalt zu verändern, da sie von verschiedenen, starken Faktoren abhängt. Ich glaube jetzt haben wir eine gute Chance gegen diese demütigende Realität zu kämpfen. In Portugal hat dieses Phänomen große Auswirkungen. Die Kraft zum Verändern muss von uns allen kommen.
Wo haben Sie ihre Studien gemacht?
Im Bezirk um Tavira, das umfasst die Stadt, den Küstenbereich, Schluchten und Gebirge bis Vila Real de Santo António, die ganze Ostküste. Und ich recherchierte im Bezirk von Loulé, der die ganze Zentralregion der Algarve einschließt, ausgenommen São Brás, Faro und Silves.
War die portugiesische Justiz schon immer so langsam wie heute?
Ich kann nur sagen, das sich das Tempo ständig verändert.
Welche Antwort gab es für die Opfer?
Einige flüchteten von zu Hause um weiteren Angriffen aus dem Wege zu gehen. Andere nahmen lange Wege in Kauf um beim Landrat oder beim Prokuristen des Königs Klage einzureichen. Das zeigt, dass sie Gerechtigkeit suchten und Vertrauen in die Obrigkeit hatten.
Ist die Lage heute noch so?
Ja. Bedenken Sie, dass im 19. Jahrhundert die Vertretung der Behörden äußerst knapp war. Den Beruf der Polizei gab es ja noch nicht. Die Polizei in den Städten war mehr eine Bürgerwehr der Nachbarn, ohne Uniform. Manchmal gab es gewaltsame Situationen in die Sie eingriffen ohne das jemand sie als kompetent ansah. Die Umwandlung der Bürgerwehr in Berufspolizisten, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts vollzog, ist auch Teil des Verfahrens der “Zivilisation der Gewalt”.
Was bedeutet das?
Zivilisation der Gewalt ist der Name eines sehr komplexen Prozesses mit vielen Schwankungen. Im Grossen und Ganzen ist das Ziel die Verringerung der blutigen Gewalt und Mord. Mit der Zeit wird klar, dass die Mordfälle zurückgehen wenn die Mordprozesserate bei Gericht erhöht wird. Das scheint paradox zu sein, ist es aber nicht. Weil auf der einen Seite die Gerichte immer mehr Täter verurteilen, anderseits werden die Menschen immer feinfühliger gegenüber der Gewalt und glauben nicht mehr an ihren Nutzen.
Glauben Sie, dass sich das ändern kann?
Die Menschheit hat eine große Kapazität, ihre Gewohnheiten zu ändern. Es kann lange dauern, aber wenn sie sich entscheidet, ändert sie wirklich etwas.








