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…Schuld ist der Andere!

Maria João Martins, 42, ist Krankenschwester mit 21 Jahren Erfahrung in der Arbeit mit Straßenverkehrsopfern. Sie arbeitet im Hospital Ortopédico Sant'Iago do Outão (orthopädisches Krankenhaus), in Setúbal, einem Ort, an dem viele der polytraumatisierten Patienten des Landes enden. Auf einem Familienbesuch an der Algarve fand sie Zeit, um mit uns über ihre Nachforschungen zu sprechen.
Algarve123: Wie kam es dazu, das Thema Schuldgefühl zu erforschen?
Maria João Martins: Es war ein Anliegen meinerseits, das aus meinen Erfahrungen erwuchs. Ich begann mir über die Menschen, die vor mir lagen, Fragen zu stellen, ob sie Schuld empfinden und von dem Gefühl, einen Schaden angerichtet oder gar den Tod einer anderen Person provoziert zu haben, ganz verstört sind. Wie gehen sie damit um? War es nur ein kurzer Augenblick des Schuldgefühls, das durch die Auswirkungen des gewaltsamen Moments und die unerwartete Situation verursacht wurde, oder würde dieses Gefühl tatsächlich etwas in ihrem Leben ändern? Ich wollte wissen, ob die Tatsache, dass eine Person in einen Unfall verwickelt war, sie in sich kehren lässt und in irgend einer Art und Weise ihr Verhalten ändert.
Was schließen Sie daraus?
Ich kann nicht verallgemeinern. Aber innerhalb des Universums der 19 Menschen, mit denen ich mich befasst habe, musste ich leider feststellen, dass das Schuldgefühl, das in dem Moment des Unfalls sehr groß schien, sich schnell legt und im Laufe der Zeit ganz verflüchtigt. Und so kommt es in keinster Weise zu einer wirklichen Verhaltensänderung.
Wie sind Sie zu diesem Schluss gekommen?
Die Studie bestand aus zwei “Momenten”. Ich bat die Freiwilligen einen Fragebogen auszufüllen, um den Unfall und die Ursachen umfassend zu beschreiben. Bei der ersten Durchsicht der Ergebnisse schrieb die überwältigende Mehrheit die Verantwortung einem anderen (der Person des anderen Fahrzeugs) zu. Und natürlich anderen Faktoren, wie dem Zustand der Straße oder dem Wetter. Danach interviewte ich jeden einzelnen Teilnehmer. Als sie mit konkreten Fragen nach ihrer Schuld konfrontiert wurden, waren die Reaktionen negativ. Aber wenn sie danach gefragt wurden, ob sie die Verkehrsregeln verletzt hätten, sagten sie “ja”, weil sie dachten, es sei eine unverfängliche Antwort. Wenn sie nach ihren Eigenschaften, die zu dem Unfall geführt haben, gefragt wurden - wie impulsives Verhalten oder abgelenkt sein - erkannten viele diese auch. Aber dann sagen sie, dass sie sich nicht verändern werden, da sie sich nicht verändern wollen, weil sie sich mögen, wie sie sind.
Auch wenn das Gefahr bedeutet?
Genau das ist das Problem. Die große Mehrheit der Menschen bringt die Gefahr und die Unfälle nicht mit ihrem Fahrverhalten in Verbindung. Sie begreifen nicht den kausalen Zusammenhang zwischen dem, was sie tun oder wie sie fahren und den Geschehnissen, an denen sie beteiligt sind.
Weil niemand gerne zugibt ein schlechter Fahrer zu sein?
Man muss bedenken, dass der Akt des Fahrens heutzutage ein vulgärer Akt ist, so alltäglich, dass es sozial geradezu unmöglich ist, nicht zu fahren. Wenn jemand nicht Auto fährt, dann weil er ein Dummkopf ist oder ein Problem hat. Auf jeden Fall ist der Grund immer seltsam. Normal ist, mit 18 Jahren seinen Führerschein zu machen. Autofahren ist zu einer grundlegenden Handlung geworden, bei der nicht weiter darüber nachgedacht wird, was es wirklich ist - ein höchst komplexer Akt.
Wird es ersichtlich, dass es nicht ausreicht, nur den Führerschein zu machen?
Ich denke, es ist falsch, wenn dem Einzelnen so Fahren gelehrt wird, dass er meint, es sei nur eine Beziehung zwischen sich, der Beherrschung des Fahrzeugs und der Einhaltung der Verkehrszeichen und Normen für den Straßenverkehr. Fahren sollte aus der Sicht des Kollektivs vermittelt werden. Aktuell fehlt definitiv eine “bürgerliche” Komponente. Es wäre fundamental, Fahren als einen Akt mit Konsequenzen für andere zu begreifen. Wir fahren ja nicht durch eine Wüste oder ein Gebiet, wo nichts und niemand ist. Neben uns existieren andere Menschen, andere Autos, ein Zusammenspiel klimatischer Bedingungen, es existieren Umstände, die uns Grenzen setzen.
Andererseits gibt es immer die Idee, dass der andere die Schuld trägt…
Der andere ist ein Fremder und daher der Gegner. Stellen Sie sich zwei Personen vor, jeweils in ihrem Fahrzeug. Auf einer Kreuzung bemerkt der eine, dass der andere etwas tut, was er nicht sollte. Pfiffe, Beleidigungen, Gesten. Womöglich stoppt ein Auto und man entdeckt, dass man sich kennt, dann wird die Reaktion automatisch relativiert. Wenn man sich nicht kennt, ist der andere ein Feind, ein Gegner. Das sagt Professor Manuel João Ramos, wir sind auf der Straße im Bürgerkrieg.
Was macht auf der Straße den Konflikt bis zum Bürgerkrieg aus? Ist er individuell?
Ja. Die Menschen fühlen sich in ihrem Ego angegriffen. Sie haben das Gefühl, dass jemand in ihr Kultobjekt, das Automobil, eindringt und fühlen sich in ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem Selbstbild als perfekte und beispiellose Fahrer beleidigt. Das ist tatsächlich Fakt, ich habe das schon oft erlebt. Es ist sehr bezeichnend, dass von den 19 Personen, die ich interviewt habe, nur zwei mit mir über defensives Fahren gesprochen haben.
Was bedeutet eine defensive Fahrweise?
Es ist der Schlüssel für die Vorhersehbarkeit von Ereignissen, die Fähigkeit vorauszusehen und gewarnt zu sein. Und es ist eine Fähigkeit, die gelernt werden kann. Allerdings diktiert die Gesellschaft, dass der Hubraum, das Design und die Leistung des Autos soziale Macht darstellen, den Status und Überlegenheit. Da kommen die Umwelt und die anderen Menschen, die uns umgeben, nur in zweiter oder dritter Ebene ins Spiel.
Was sehen Sie auf der Straße?
Ich sehe jeden Tag Fehlverhalten.
In Portugal werden täglich 17 Menschen überfahren. Glauben Sie Fußgänger zählen nicht?
Dem Fußgänger muss Bedeutung zukommen. Primär, weil er ein Mensch ist, ganz klar. Zweitens, ob wir Fahrer sind oder nicht, ob wir ein Auto haben, zehn oder zwanzig, sind wir alle an einem gewissen Punkt immer Fußgänger. Keiner wird zum Autofahren geboren. Als erstes lernen wir zu gehen. Das ist die grundlegende, physische, biologische Charakteristik des Menschen. Er ist von Natur aus ein Fußgänger, ob Autofahrer oder nicht.
Auf Basis Ihrer professionellen Erfahrung: Existiert eine Sicherheit im Straßenverkehr?
Als Konzept existieren eine Reihe präventiver Strategien. Es ist aber nur ein Konzept. Wenn Sie mich aber fragen, ob die Straße sicher ist - meiner Ansicht nach nicht.
Welche Nachricht würden Sie gerne hinterlassen?
Ich denke, dass das Fahren als etwas vermittelt werden muss, das nicht ein reiner Akt des Steuerns ist. Es gibt nämlich einen Unterschied. Ein Pilot kümmert sich nur um die Straße und die Maschine. Ein Fahrer ist kein Pilot. Auf der anderen Seite denke ich, dass durch die Reduzierung einer subjektiven Sichtweise des Fahrers vielleicht etwas erreicht werden könnte. Ich bin zum Beispiel dafür, dass es für die gleiche Straftat unterschiedliche Strafen gibt, je nachdem, ob der Fahrer alleine oder in Begleitung fährt. Alle Autos mit 2, 4 oder 5 Plätzen sind eine Art von öffentlichen Transporten. Und technisch gesehen ist der Fahrer für die Sicherheit der Personen in seinem Wagen verantwortlich. Was wenn Sie wüssten, dass das Überfahren einer durchgezogenen Linie anders bestraft wird, wenn sie alleine im Wagen sitzen, als wenn Sie andere Personen transportieren und noch anders, viel höher, wenn Sie Kinder im Auto haben. Dann würden Sie nur noch alleine fahren oder anfangen nachzudenken, wenn Sie Ihre Familie dabei haben.








