| Einloggen oder registrieren um einen Kommentar zu verfassen. | Ohne Kommentare. Verfassen Sie den ersten Kommentar. |
Maria João Neves
Die geheime Seite der Träume

Welche Probleme kann die Philosophie lösen?
Oft sind es Probleme, die mit der emotionalen Seite einer Person zu tun haben, wie zum Beispiel in Zusammenhang mit einer gescheiterten Liebesbeziehung, bei einer Scheidung. Da tauchen ethische Sackgassen auf, die schwer lösbare Schwierigkeiten und Schmerzen schaffen. Andere Fälle haben mit Schwierigkeiten im Arbeitsbereich zu tun, also zum Beispiel Menschen, die sich in einer beruflichen Lage befinden, die nicht gerade die Beste ist. Über die Philosophie können da oft Lösungsmöglichkeiten gefunden werden.
Ist das auch für Firmen nützlich?
Ja, obwohl unsere Arbeit für Firmen mehr mit ethischen Angelegenheiten zu tun hat.
Sie widmen sich auch dem Studium der Phänomenologie der Träume. Was ist das?
Die Phänomenologie der Träume ist ein völlig neues Gebiet. Die spanische Philosophin María Zambrano (1904-1991), über die ich meine Doktorarbeit geschrieben habe, war die erste und einzige, die bisher über das Thema gesprochen hat. Es ist eine Herangehensweise an Träume, die nichts mit den psychoanalytischen Techniken zu tun hat, wie sie bisher angewendet wurden.
Was hier bearbeitet wird, ist nicht der Inhalt des Traumes, sondern das Erleben des Menschen außerhalb der Beschränkungen der Zeit.
Was heißt das?
Das heißt, dass wenn wir einen Traum haben, dieser eine bestimmte Geschichte hat. Diese Geschichte korrespondiert mit einer bestimmten Auffassung von Zeit. Und diese Auffassung von Zeit korrespondiert mit einer Bewußtseinsart. Diese Bewußtseinsart ist normalerweise mit einer bestimmten seelischen Verfassung verbunden. Das bringt uns eine Menge an Information über den Zustand, in dem sich diese Person im Moment befindet.
Heißt das, dass die Träume unser Leben widerspiegeln?
So ist es. Wir träumen gewöhnlich, aber oft erinnern wir uns nicht an die Träume. Das ist völlig normal. Das heißt, dass das Leben sozusagen in einem normalen Rahmen verläuft. Wenn wir dann eine Situation erleben, die problematischer als gewöhnlich ist, oder wenn wir unter erhöhter Anspannung leiden, erinnern wir uns an die Träume. Das ist kein Zufall, sondern es geschieht, weil der Traum normalerweise wichtige Informationen beinhaltet.
Ist es ein Alarmsignal, viel zu träumen?
Es ist ein Signal dafür, dass wir aufmerksam sein sollten, da dabei wichtige Informationen gegeben werden. Aber diese Informationen müssen gut aufgearbeitet werden. Oft haben die Menschen Schwierigkeiten beim Handeln. Es fehlt ihnen an Stärke. Die Träume können uns darauf aufmerksam machen. Es gibt Träume, in denen ein Impuls im Sinne einer Handlung gegeben wird, die dann eine Veränderung im Leben der Person bewirkt.
Anders ausgedrückt: Träume können motivierend sein?
Ja. Sie können eine kleine Sicherheitsbasis sein, die den Leuten bei der Entscheidungsfindung fehlt. Und sie können uns dabei helfen, das Leben authentischer zu leben.
Sie sind also dafür, dass man seinen Träumen Aufmerksamkeit schenkt?
Ja. Normalerweise glauben wir, dass unser Leben im Wachzustand das ist, was wichtig ist. Wissenschaftlich wurde jedoch nachgewiesen, dass das Schlafen beim Menschen viel wichtiger ist. Im Schlaf geschieht sehr viel, zum Beispiel das Träumen. Wenn Träume nicht so wichtig wären, wieso wären sie dann während so vieler Jahre der Evolution erhalten geblieben? Bedenken Sie, dass der Urmensch beim Träumen völlig ungeschützt war. Das Träumen ist ein Moment der muskulären Entspannung. Wir sind dabei komplett erschlafft und entspannt. Wenn das nicht wichtig wäre, wie gefährlich auch immer es für den Menschen sei, warum sollte es sich dann bis heute halten?
„Das Kopfkissen ist ein guter Ratgeber” sagt ein Sprichwort. Ist das wahr?
Ja und es haben schon viele Leute damit gearbeitet. Hier gibt es eine große Ähnlichkeit mit der Arbeit des Psychoanalytikers. Wegen des Fehlens von bewußten Filtern gibt es im Traum eine Menge sublimer Informationen, die normalerweise nicht in die bewußten Bereiche vordringen. Deshalb gibt es auch Träume mit Vorahnungen, wenn jemand etwas träumt, was dann hinterher passiert. Das heißt nicht, dass die Person die Gabe der Hellseherei hat. Es geschieht, weil wir im Traum Zugang zu subtileren Realitäten haben, denen wir im Wachzustand normalerweise keine Aufmerksamkeit schenken.
Und wie ist es mit schlechten Träumen?
Wir können Alpträume aus rein körperlichen Gründen haben, zum Beispiel wegen schlechter Verdauung. Wenn nun eine Person immer wieder und ständig Alpträume hat, so ist dies ein Alarmsignal. Das ist nicht natürlich und bedeutet, dass irgendwas nicht stimmt.
Sie untersuchen den Traum im künstlerischen Schaffen. Was können Sie uns darüber erzählen?
Dies ist eine Arbeit, die ich seit vier Jahren mit dem Schlafstudienlabor der medizinischen Fakultät der Universität von Lissabon und seit letztem Jahr auch mit dem neurologischen Dienst des Hospital Distrital de Faro entwickele. Wir studieren den so genannten kreativen Traum. Maria Zimbrano sagt, dass „es ein Moment ist, in dem der Anfang vom Schluß informiert ist“. Es ist, als ob ein Künstler beim Schaffen seines Werkes irgendwie eine Information aus der Zukunft hat, die bei ihm im gegenwärtigen Augenblick ankommt. Das nennt man dann Inspiration. Wenn man zum Beispiel mit einem Künstler spricht und ihn fragt, warum er eine Arbeit auf eine bestimmte Art gemacht hat, wird er fast immer antworten, dass „es so sein mußte“. Meine Arbeit hat mit der Frage zu tun, ob es irgendeine physiologische Beziehung zu dem, was Inspiration genannt wird, existiert. Bis jetzt sind bei dem Projekt bildende Künstler und Musiker beteiligt.








