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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Imker Blues

Albert Einstein sagte einmal: „Wenn alle Bienen aussterben würden, dann hätte die Menschheit gerade mal noch vier Jahre Lebenszeit übrig“. Dieses Zitat wurde vor kurzem ganz besonders relevant. In 2006 begannen Bienen in großer Anzahl über die ganze Welt verteilt zu verschwinden. „Colony Collapse Disorder - Völkerkollaps/Bienensterben“ oder „Mary Celeste Syndrom“ wie dies getauft wurde, hat alle möglichen Ursachen - und nicht sämtliche sind auf Umweltfaktoren zurückzuführen - aber eins ist ganz sicher: Bienen sind weltweit eindeutig davon betroffen. Hier in der Algarve bekommen die Imker dies ebenfalls zu spüren.
Natasha Donn, Ausgabe 581 (25 Jun 2009), Ohne Kommentare »

„Bienen sind auf dem besten Weg, auszusterben“, informierte uns José Júlio Santos Glória, 54, aus Portelas. “Es ist eine traurige Tatsache. Jedes Jahr gibt es weniger Bienen, und sie produzieren immer weniger Honig.“

Wir stehen in dem kühlen Arbeitsraum seiner Garage, die er in eine kleine Honigfabrik umfunktioniert hat. An der ganzen Wand entlang stehen glänzende Edelstahl Behälter - für verschiedene Honigsorten - und gegenüber gibt es alle Arten von Geräten und Apparaten zum Zerkleinern, Trennen und Sieben von Honig. Aber am interessantesten sind die allgegenwärtigen, zusätzlichen Besucher. Bienen, und zwar hunderte von ihnen! Sie sind einfach überall! An den Maschinen, in der Luft, den Honig ausprobierend - der ganze Raum summte buchstäblich nur so von Bienen.

„Oh je, ich wünschte, sie würden das nicht tun!“ Santos Glória schaute hoch zur Decke, wo ein Duzend Bienen das Neonröhrenlicht umschwirrte. „Du leidest doch hoffentlich nicht an einer Bienenallergie? Na ja, zumindest sind sie momentan alle sehr friedlich und werden wohl nicht stechen...“

Sie stachen nicht - und überhaupt war ich auch gar nicht besorgt deswegen. Ich war mehr interessiert daran, zu erfahren, warum diese wundervollen Kreaturen, welche die Blumen der Welt bestäuben und somit voll und ganz die Natur unterstützen am Aussterben sind.

„Es gibt vielerlei Gründe“, Santos Glória zuckt mit den Schultern. „Bienen mussten schon immer mit den Gefahren von Parasiten und Räubern fertig werden, aber heutzutage kommen dann noch die Probleme mit den Pestiziden dazu, die Strahlungen von Mobiltelefonen, Veränderungen im elektrischen Feld - und die Regierung!“

Die Regierung?

„So viele Vorschriften! So viele Verpflichtungen! Ich war kürzlich auf einem Imker-Treffen zur Bienenzucht in der Algarve. Ich saß etwas weiter hinten, und auf einmal stellte ich fest, dass alles, was ich vor mir sah, Glatzköpfe waren! Jeder in diesem Raum war entweder in meinem Alter oder noch älter! Was kann das wohl bedeuten? Das heißt, dass die jungen Leute mit der Bienenzucht gar nicht erst anfangen! Die Regierung sollte sich ernsthaft bemühen, diese Industrie aufrechtzuerhalten; sie sollten die jungen Leute animieren, dies als lukratives Geschäft zu sehen. Aber, in Wirklichkeit machen sie das Ganze einfach nur komplizierter - und die Bienenhaltung wurde seit jeher schon immer nur als das verarmte Stiefkind der Landwirtschaft angesehen“.

„Es waren ungefähr 200 Imker aus der ganzen Algarve bei der Sitzung anwesend. Alle waren sehr besorgt wegen der Produkte, die wir verpflichtet sind zu benutzen, um die schlimmsten Parasiten zu bekämpfen, momentan die Varroa Milbe. Sie sind sehr teuer und niemand ist davon überzeugt, dass sie 100% wirksam sind. In Spanien, zum Beispiel, gibt es sehr viel billigere Produkte - aber die sind hier in Portugal nicht zugelassen. Und falls man dabei erwischt wird, sie dennoch zu benutzen, dann gibt es enorme Geldstrafen - aber wenn wir die Regierungsprodukte verwenden und unsere Bienen trotzdem sterben, sollten wir dann nicht auch irgendeine Entschädigung für unseren Verlust erhalten? Es sind solche problematischen Streitfragen, die die ganze Imker-Industrie ruinieren.“

Vom Gesetz her ist Zé Júlio verpflichtet, seine Bienenstöcke zweimal pro Jahr mit einen von der Regierung zugelassenen Produkt zu behandeln, welches ihn €6 pro Bienenstock kostet. Er hat mittlerweile insgesamt fast 400 Bienenstöcke - da er sein ganzes Leben nur diesem Geschäft gewidmet hat - und somit belaufen sich seine Unkosten für diese obligatorische Behandlung auf €4.800 pro Jahr.

„Das ist ein kleines Vermögen! Wenn man sich ausrechnet, wie viel man an den Produkten allein ausgibt, zusammen mit all den anderen Unkosten, um den vom Staat verordneten Gesetzen, Vorschriften und Regelungen gerecht zu werden, plus die sozialen Abgaben und das Benzin, dass man verfährt, um die Bienenstöcke zu besichtigen, dann kommt man zu dem Endergebnis, dass man eigentlich nicht für sich selbst, sondern nur für den Staat arbeitet!“

Und in der Tat, die allgemein übereinstimmende Meinung bei der Imker-Sitzung, welche von der Direcção Geral de Agricultura (Generaldirektion für Landwirtschaft) der Algarve geleitet wurde, war, dass es an der Zeit ist, aufzugeben.

„Ältere Menschen haben für Komplikationen solcher Art keine Geduld“, erklärte Santos Glória. „Die Imkerei ist mit einem hohen Risiko verbunden und sehr unsicher. Die Zukunft sieht alles andere als rosig aus“. Die vielen riesigen Einkaufszentren, die in der ganzen Region wie Pilze aus der Erde springen, tragen ebenfalls zum Niedergang des Geschäftes bei.

„Früher habe ich meinen Honig in einer ganzen Reihe von kleinen Lebensmittelläden verkauft und auch auf dem Gemüse- und Obstmarkt samstags in Lagoa“, sagte er. „Aber mittlerweile sind die meisten dieser kleinen Tante Emma Läden geschlossen - und die Einkaufszentren beziehen ihren Honig von großen Herstellern. Einiges davon ist allerdings alles andere als Honig!“

„Der beste Honig der Welt wird hier in der Algarve produziert“, betont er. „Aber dieses Jahr gibt es zum Beispiel bloß 4 - 5 Kilo pro Bienenstock. Normalerweise sind es zwischen 20 - 30 Kilo - aber es war ein schlechtes Jahr, da der Regen zum falschen Zeitpunkt fiel.“

„Rate mal, wie viele Blumenblüten eine Biene besuchen muss, um ein Kilo Honig zu produzieren?“ fragt er plötzlich. „Zwei Millionen!“

Aber trotz all der Probleme hat Santos Glória eine unwahrscheinliche Leidenschaft für seine Bienen. „Im Alter von sieben Jahren war ich schon leidenschaftlicher Bienenfan!“ gesteht er lächelnd. „Aber jetzt habe ich meinem Sohn gesagt, dass er, sobald er 20 wird, das Geschäft übernehmen kann - falls er es will, dann gehört es ihm! Ich habe ihm auch gesagt, dass es alles andere als einfach sein wird.“

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