PortuguêsEnglishDeutsch
Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
Tel.: 282 418 881
Passwort vergessen?AnmeldenKostenlose KleinanzeigenArtikelThema der WocheReportageInterviewAktuellesMeinungRestaurantsDie AlgarveVerzeichnisHilfe
ÜbersichtArtikelInterviewIm Treibsand schwimmen

Gourdasi 
Lakicevic

Im Treibsand schwimmen

In der festlichen Jahreszeit, in der wir uns nun befinden, arbeiten Künstler und Kunsthandwerker der ganzen Algarve auf den Weihnachtsmärkten – der letzten Verkaufsplattform für den Rest des Winters. Der Konsens ist, „niemand kauft etwas“, egal wie gut, wie schön, wie exquisit die Stücke sind. Die Menschen haben einfach kein Geld, das sie ausgeben könnten. Für einige ist dies dennoch “der einzige Weg“, alle anderen Möglichkeiten sind ausgeschöpft. Diese Woche sprechen wir mit der Kroatin Gourdasi Lakicevic, Autodidaktin in der Herstellung von dekorativen Holzspiegeln. Sie hat ihre Kunst durch stundenlange harte körperliche Anstrengung perfektioniert. „Sie haben keine Idee, was alles schief gehen kann!“ Sie schüttelt den Kopf. „Es ist nichts Romantisches an diesem Job!“ Aber da war ebenso nichts Romantisches an der Reinigung der öffentlichen Toiletten der Junta de Freguesia in Barão de São João, am Fegen der Straße oder der Reinigung in und um eine Strand-Bar in Salema. In Portugal zu leben, so meint Gourdasi, gleicht dem Versuch, in Treibsand zu schwimmen...
Natasha Donn, Ausgabe 708 (15 Dez 2011), Ohne Kommentare »

Was hat Sie in erster Linie nach Portugal gebracht?

Gourdasi Lakicevic: Oh, das ist eine lange Geschichte! Ich war in Indien – wo ich mit meinem Ex-Mann hingegangen bin, um dem Krieg in Serbien zu entfliehen – und sehr krank. Ich hatte Typhus, Ruhr und Tuberkulose in der linken Lunge und Gedärm; mein Mann hatte sich Malaria eingefangen.

Wir sind beide fast gestorben, aber wir haben es überlebt und angefragt, nach Europa zurückkehren zu dürfen. Die indischen Behörden konnten nur Rumänien und Portugal dazu bringen, uns zu akzeptieren.

Damals wollte niemand Bosnier (mein Mann war aus Bosnien), so haben wir uns für Portugal entschieden. In gewisser Weise realisiere ich jetzt, dass Portugal jeden aufnimmt, weil hier her zu kommen ein bisschen ist, wie im Bermuda-Dreieck zu landen. Egal, wie hart Sie arbeiten, was immer Sie auch tun – alles kann einfach so verschwinden“... Sie schnippt mit den Fingern.

Wie kam es dazu, dass Sie öffentliche Toiletten gereinigt haben?

Jemand muss es tun! Ich habe einen Sohn zu unterstützen. Zu der Zeit war ich alleinerziehende Mutter. Ich habe eine unglaubliche Kapazität für harte Arbeit – wie schwierig oder unangenehm auch immer. Doch das Traurige war, dass ich den Job verloren habe, weil die Juta nicht wollte, dass jemand lange genug arbeitet, um “effektiv” zu werden, wie sie es nennen – in anderen Worten unkündbar zu werden. So rieten sie mir zu gehen und „vielleicht in einem Jahr wiederzukommen!“

Haben Sie sich daraufhin entschieden, für sich selbst zu arbeiten?

Ich habe nach irgendetwas gesucht, um Geld zu verdienen. Ich hatte nicht den Plan, Spiegel zu machen, aber ein Freund ermutigte mich dazu, es zu versuchen. Das tat ich, und nun ist es meine Leidenschaft geworden.

Wie haben Sie es geschafft, sich die Werkzeuge, die Sie für diese Spiegel benötigen, zu leisten?

Das ist eine gute Geschichte! Ich hatte Anrecht auf eine Art sozialer Unterstützung für meine Zähne und habe gefragt, ob ich das Geld stattdessen verwenden könne, um Werkzeug zu kaufen. Die Leute bei der Sozialversicherung haben mir wirklich sehr geholfen...

Als ich schließlich letztes Jahr das Geld erhielt, war es nur wenige Wochen vor dem ersten Weihnachtsmarkt, an dem ich teilgenommen habe. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet und es geschafft, rechtzeitig zehn Spiegel zu produzieren – davon wurden fünf von den Mitarbeitern der Sozialversicherung erworben, und einen habe ich einer ihrer Kolleginnen geschenkt, die mir besonders geholfen hat. Die anderen vier konnte ich auf dem Markt in Aljezur verkaufen. Es ist letztlich also Geld reingekommen...

Aber es ist nicht leicht gewesen?

Es war nicht einfach, denn während ich neue Spiegel und neue Ideen entwickelt habe, ging der Welt das Geld aus! Neulich habe ich an einem Handwerkermarkt im Goldenen Dreieck mitgemacht. Es war in Vila Sol. Ich musste 300 Euro zahlen, um meine Arbeit zeigen zu dürfen.

Ich habe nichts verkauft... nicht ein Stück. De facto hat niemand etwas verkauft! Ich habe zwei Monate lang gearbeitet, um Werkstücke für diese Ausstellung zu produzieren, und dachte, es wäre ein perfekter Ort, um zu verkaufen.

Welches ist der letzte Weihnachtsmarkt, auf dem Sie sein werden?

Es ist ein Weihnachts-Handwerkermarkt in dem Dorf, in dem ich wohne: Barão de São João, und er findet an diesem Samstag, 12 bis 18 Uhr, in der Bar Atabai statt. Es werden einige andere Künstler beteiligt sein, die viele schöne Dinge anbieten: Schmuck, Holz-Puzzles, Weihnachtsgeschenke; zudem wird es zu essen und Glühwein geben. Es wird eine perfekte Veranstaltung für Familien – und mit etwas Glück können wir alle einige unserer Arbeiten verkaufen!

Kommentare
Einloggen oder registrieren um einen Kommentar zu verfassen.Ohne Kommentare. Verfassen Sie den ersten Kommentar.