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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Träume und Kompromisse

Es wird «Casa do Compromisso» genannt. Wenn es fertig ist, wird es die Heimat für 24 geistig behinderte junge Menschen werden. Das Projekt hat der Verein der Eltern und Freunde mental eingeschränkter Kinder A.A.P.A.C.D.M. (Associação Algarvia de Pais e Amigos de Crianças Diminuídas Mentais) ins Leben gerufen und soll eine Antwort auf eine zunehmend besorgniserregende gesellschaftliche Situation geben – was passiert mit diesen jungen Menschen, wenn die direkte Verwandtschaft verstirbt? Eine Frage, die auch eine Antwort in dem Haus findet, das der portugiesische Verein der Infantilen Zerebralparese/ Kinderlähmung (Associação Portuguesa de Paralisia Cerebral, APPC) in Faro baut. Das Problem ist, dass solche Projekte kostspielig sind und die Solidarität aller brauchen, um verwirklicht werden zu können. Erfahren Sie, wie Sie helfen können!
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 634 ( 8 Jul 2010), Ohne Kommentare »

“Wir kennen kritische Situationen. Da gibt es den Fall mit den vier Cousins aus Loulé. Die Großmutter war die Matriarchin und starb vor kurzem; sie hinterließ eine sehr ungeschützte Familie. Derzeit sind die Kinder von Montag bis Freitag bei uns im Heim. Das Wochenende verbringen sie zuhause, aber das ist immer etwas riskant, denn ihre Eltern sind selbst behindert und arm”, berichtet Eliane Cruz, 48, Vorsitzende des A.A.P.A.C.D.M.

“Wir haben hier auch eine junge Frau, die komplett unselbständig ist. Sie ist etwas über 40, ihre Mutter ist bereits 80 und hat Angst davor, vor ihrer Tochter zu sterben, weil sie weiß, dass die Tochter dann alleine ist.”

“Und da ist der Junge aus Loulé, der “normal” auf die Welt kam, und eines Tages bekam er eine schwere Gehirnhautentzündung und fiel für sechs Monate ins Koma. Er hat eine Schwerstbehinderung davongetragen, durch die er gezwungen ist Windeln zu tragen und Hilfe beim Essen benötigt. Seine Mutter hat vier weitere Kinder und muss arbeiten gehen, um die Familie zu ernähren.”

Dies sind nur einige der vielen Fälle, mit denen diese im Jahre 1968 gegründete Institution mittelfristig zu tun hat.

“Es ist dringend ein Wohnheim nötig.” “Mit dem Fortschritt in der Medizin leben diese Menschen immer länger. Früher war zum Beispiel die durchschnittliche Lebenserwartung einer Person mit Down-Syndrom sehr kurz”, erklärt Eliane Cruz.

Diese lange Lebenserwartung bringt neben der Hoffnung auch neue soziale Probleme.

Nach dem schulpflichtigen Alter haben viele junge Menschen mit Behinderungen nicht die intellektuellen Voraussetzungen für ein Studium oder für den Arbeitsmarkt.

Der einzige Ausweg ist das Frequentieren der so genannten “Centros de Actividades Ocupacionais” (CAO) - Wohnheime für behinderte Menschen.

Um eine Vorstellung zu bekommen: Die derzeit in der Gemeinde Faro existierenden Heime decken nur 1,94 Prozent der Bedürfnisse der behinderten Bevölkerung ab.

Das heißt, viele junge Menschen enden abgeschieden zu Hause und warten auf einen Platz. Dieses Mangels bewusst, sieht das Projekt “Casa do Compromisso” auch die Schaffung eines neuen Wohnheims für 30 Bewohner vor.

Die gute Nachricht ist, dass das Projekt zu 75 Prozent durch öffentliche Mittel finanziert wird, durch das staatliche Förderprogramm Humankapital (Programa Operacional do Potencial Humano - POPH). Die schlechte Nachricht ist, dass diese Finanzierung nur einen vereinbarten Betrag von einer Million und 200.000 Euro beträgt.

“Aber all die Planer, die wir befragt haben, haben uns gesagt, dass sich die Gesamtkosten auf nicht weniger als eine Million und 500.000 Euro belaufen werden. Das heißt, dass neben den 25 Prozent, die uns sowieso fehlen, auch noch 300 tausend Euro von uns aufgebracht werden müssen”, erklärt Eliane Cruz, Kinderärztin an der Klinik Faro, die seit 1991 mit diesem Fall zu tun hat.

Vor kurzem garantierte Macário Correia, Bürgermeister von Faro, dass er 15 der 25 fehlenden Prozent verfügbar machen werde, damit das Projekt vorankomme.

“Den Rest müssen wir von der Bank bekommen und durch Veranstaltungen, die wir organisieren”, sagt sie.

“Von dem Moment an, in dem wir die Bedingungen der Verantwortlichkeit unterzeichnen, das heißt den Vertrag des Förderprogramms POPH, haben wir sechs Monate Zeit das Projekt an den Start zu bringen und 36 Monate, um den Bau abzuschließen, inklusive Einrichtung und allem. Das ist ziemlich beklemmend, aber der Wille ist stärker”, lächelt sie.

Die nächste Solidaritätsveranstaltung ist am 16. Juli ab 16 Uhr im Teatro das Figuras in Faro geplant. Beteiligt sind die Nutzer der Einrichtung selbst und geladene Künstler.

Einzugbereit, aber ohne Finanzierung

Ein weiterer Traum, der auf dem Wege ist, sich zu erfüllen, ist das Wohnheim des Vereins APPC. Der Baubeginn war Anfang diesen Jahres, im Umkreis von Faro, in Montenegro. Nach der Fertigstellung wird es dort 25 Plätze geben. Und der Bau wird innovativ - es wird die erste Wohneinrichtung im Süden des Landes, in der fünf junge Leute selbständig leben können, ordnungsgemäß von Fachkräften unterstützt.

Alles in allem kostet das rund 1 Million Euro. Aus der Notwendigkeit das Haus zu schaffen, ergibt sich auch ein sicherer Hafen, “wo junge Menschen einen Tag bleiben können, wenn ihre nächsten Verwandten versterben”. Das berichtet Graciete Campos, seit 28 Jahren Leiterin des APPC.

Das Projekt wurde durch das Programm PARES II mit 360 tausend Euro unterstützt, 207 tausend Euro gab es dafür von der Gemeinde. Den Rest muss sich die Institution leihen.

“Wir haben Solidaritätsveranstaltungen organisiert, aber das reicht nicht aus. Es gibt ein Kachelbild, das aus 108 Azulejos zusammengesetzt ist, die einzeln mit den Namen der Menschen oder Firmen, die uns unterstützen möchten, gekauft werden können. Wir haben das scheinbar endlos verbreitet, aber es gab keine große Resonanz. Wir haben nur 18 kacheln an Eltern und Familienangehörige verkauft, meist selbst arme Leute”, sagt sie.

“Ich denke, generell hat sich vieles verbessert, und dass Unternehmen sensibler geworden sind, aber ich glaube auch, dass die Anzeichen von Reichtum, die man an der Algarve sieht, sich nicht auf Solidarität beziehen. Es ist noch viel Arbeit bezüglich der Mentalität der Menschen erforderlich”, sagt sie.

Zudem gibt es “eine große Nachfrage. Anmeldungen sind noch nicht möglich, aber wir erhalten bereits Anrufe aus anderen Regionen”, eröffnet sie uns. In dem zukünftigen Wohnheim werden dramatische Fälle bevorzugt, “bei denen junge Menschen ihre Eltern verloren haben und auf sich gestellt sind.

Wir haben einen jungen Mann von 18 Jahren, der gerade das Gymnasium abgeschlossen hatte und an die Uni gegangen ist. Dann ist die Mutter gestorben, und aktuell kümmert sich eine Nachbarin um ihn, was sehr außergewöhnlich ist.”

Ein weiterer extremer Fall ist der eines 11jährigen Jungen. Die Eltern und die Geschwister sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Er wurde aus dem Wagen geschleudert, überlebte aber nur mit Folgen. Er ist seit sechs Jahren in der Institution, die zurzeit 285 Personen zwischen 0 und 42 Jahren hilft. “Es wäre schön, wenn wir im Dezember Einweihung feiern könnten, aber ich weiß nicht, ob das möglich ist.”

Behinderte oder Champions?

Aber es gibt nicht nur traurige Lebensgeschichten in dieser Institution. Seit 1992 bietet A.A.P.A.C.D.M. Berufsausbildungskurse an. Diese werden von Jugendlichen über 15 Jahren mit “kognitiver Behinderung” besucht. Derzeit widmen sie sich vorwiegend der Hotellerie und der Gartenarbeit.

“Vor der Krise hatten wir eine Integrationsrate unserer jungen Leute, die die Kurse besucht haben, von 75 Prozent auf dem Arbeitsmarkt.”

“Viele dieser jungen Menschen lassen ihre Chefs mit offenen Mündern dastehen. Sie sind keine Faulpelze. Sie geben sich ihrer Arbeit hin, sind engagiert und arbeiten beharrlich. Einige Leute nehmen sie fast ausschließlich aus Wohltätigkeit und sehen dann, welche Produktivität sie bekommen”, sagt sie.

Dass die Institution außerdem auf Behindertensport auf Wettbewerbsniveau setzt, bringt den Behinderten einige Vorzüge.

José Gabriel, 25 Jahre, ist Schwimmweltmeister. Er ist nur kein Olympiaathlet, weil “das olympische Komitee leider geistig Behinderte und Gehörlose nicht in den Wettkampf mit aufnimmt”, erklärt Eliane Cruz.

“Der Junge hat das Down-Syndrom. Momentan arbeitet er bei Jumbo in der Bäckerei. Die Firma ermöglicht es ihm aber jeden Tag zum Training zu gehen und an den Wettbewerben teilzunehmen.”

Bei diesen Beispielen kommt eine Frage auf: Warum sehen wir Menschen mit Behinderungen nicht auf den Straßen?

“Gute Frage. Ich denke, die meisten der portugiesischen Bevölkerung, schämt sich nicht, ist aber verlegen. Wir sehen Ausländer auf den Straßen, die mit ihren behinderten Familienmitgliedern Urlaub machen. Hier glauben die Leute scheinbar, dass sie mitleidig angesehen werden.”

Aber ist eine Behinderung Grund für Mitleid? “Nein. Ich pflege zu sagen, dass wir alle verschieden sind. Sogar Zwillinge mit sehr ähnlichen Genen sind verschieden. Also sollte es eigentlich keine große Sache sein, anders zu sein. Das sollte normal in unserem gemeinsamen Leben sein”, sagt sie.

“Das Problem ist, dass Behinderte immer als unfähig angesehen werden – er spricht nicht, er kann dies nicht, er ist das nicht, er ist jenes nicht. Hier wendet sich diese Ansicht ins Gegenteil. Wir sagen immer, er tut dies, er kann das, er schafft das. Wir versuchen immer die Fähigkeiten zu verkaufen, die wir haben”.

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