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Verirrte Flügel in Portugal

Defekte Mechanik, leere Tanks oder die Schlacht selbst zwangen mehr als hundert Flugzeuge zum Abbruch ihrer Mission und zu einer Landung in Portugal, einem “neutralen” Gebiet in der komplizierten Geografie des 2. Weltkrieges. Als Punkt auf der Verbindungslinie zwischen dem Vereinigten Königreich und dem restlichen Kriegsschauplatz liegt Portugal im Zentrum einer intensiven Luftaktivität, die ihre Spuren sowohl im Norden als auch im Süden des Landes hinterlassen hat.
Carlos Guerreiro, aktuell Korrespondent bei TVI, wollte die Fährte dieser Begebenheiten aufnehmen, von denen viel aus der Geschichte des Landes in Vergessenheit geraten ist.
Alles begann 1993 mit einem Artikel, den er über einen Fischer aus Faro geschrieben hat. In einer kalten Novembernacht im Jahre 1943 war Jaime Nunes (inzwischen verstorben) einige Meilen vor Faro auf See auf Fischfang, als er plötzlich ein lautes Tosen auf dem Meer hörte.
Eine vom Kurs abgekommene PB4Y-1 (eine Version der Marine der viermotorigen B-24 Liberator) stürzte ins Meer. Das Boot, das gewöhnlich auf Rabenfischfang ging, kehrte an Land zurück - dieses mal ohne Fisch. Jaime Nunes und zwei weitere Fischer retteten sechs amerikanischen Fliegern das Leben.
Inspiriert entschied sich der Journalist, nach weiteren Spuren dieser und anderer Geschichten, die sich in Portugal ereignet hatten, zu suchen. “Diese Nachforschung ist nicht akademischer Natur. Sie entstand nach und nach. Die Ziele haben sich erst entwickelt. Zuerst wollte ich nur die Geschichten der Überlebenden hören. Aber dann gab es da jemanden, der mir Fotos geschickt und Material beigefügt hat”.
Als er begann, “waren die Nachforschungen langsam, schwierig und langwierig. Ich verschickte Briefe. Es dauerte, bis diese ankamen. Manchmal habe ich keine Antwort erhalten. Erst als das Internet verstärkt verbreitet war, Ende der 90er Jahre, wurden die Nachforschungen einfacher. Ich entdeckte, daß es viele Kriegsveterane gab, die mit dem Netz verbunden waren”, äußert er. “Heutzutage ist das Internet weit verbreitet, aber Anfang der 90er Jahre war es fast noch ein Experiment. Damals war ich überrascht, Menschen, die 80 Jahre oder älter waren, zu treffen, die es mit verblüffender Leichtigkeit nutzten”, sagt er.
Abgesehen von einigen Nachrichten, die in alten Zeitschriften veröffentlicht wurden, wurden so manche von Salazars Unterdrückungsapparat zensiert, und Guerreiro hatte wenig Informationen über die Flieger, die in Portugal notgelandet sind.
Mário Canongia Lopes, ermittelnder Autor von «Os aviões da Cruz de Cristo», ein Werk, das viele Maschinen identifiziert, die zwischen 1938 und 1945 in Portugal gelandet sind, war dem Journalisten eine wertvolle Hilfe. “Viel in dem Buch stammt von ihm. Zu der Zeit hatte er schon einige englische und amerikanische Archive eingesehen und dadurch Informationen erhalten. Für mich waren die Namen von Bedeutung ”, berichtet er.
“Jedesmal wenn ich auf den Namen eines Besatzungsmitgliedes eines Flugzeuges stieß, durchsuchte ich sämtliche Telefonlisten im Internet und suchte alle Personen mit diesem Namen raus. Wenn ich 20 Namen fand, verschickte ich 20 Mal den gleichen Brief. Darin stellte ich mich vor und erklärte, daß in einem bestimmten Jahr in meinem Heimatland ein Flugzeug mit jemandem diesen Namens an Bord gelandet ist und ob die Person mir etwas darüber berichten könnte”, sagt er.
Die Telefonlisten halfen, aber es stand nicht immer eine Email-Adresse dabei. “In manchen Monaten verschickte ich 50, 60, 70 Briefe. Wenn ich meinen Lohn erhielt, legte ich immer gleich einen Teil für Briefmarken zurück”, erzählt er. “Ich schaltete auch Anzeigen in Zeitschriften und Zeitungen, von denen ich wußte, daß sie von Kriegsveteranen gelesen werden”, sagt er.
Auf diese Weise “machte ich nicht nur die Überlebenden, sondern auch ihre Familien aus”. Da gab es zum Beispiel den Fall Novo Maryonovich, ein nordamerikanischer Pilot, dessen B-17 bei einer Notlandung in der Nähe von Sesimbra ins Meer stürzte. “Es war ein Neffe dieses Mannes, der mir antwortete. Er schickte mir Fotos und sogar ein Tagebuch”, berichtet er.
Sein Antrieb war die Neugier. Aber was hat der Journalist am Ende daraus gelernt? “Das ist eine gute Frage. Abgesehen davon, daß ich viel Wichtiges über die jüngere Geschichte gelernt habe, denke ich, daß ich auch etwas mehr über die Portugiesen aus jener Zeit erfahren habe”.
Man bedenke, daß Portugal ein Land war, das von der Landwirtschaft lebte, es gab keine Industrialisierung. In der Zeit war der Krieg nah und fern. Die Mehrheit der Bevölkerung waren Bauern. Analphabetismus und Armut waren allgegenwärtig. Diese Tatsache überraschte die Besatzungen, die während einer bestimmten Zeit in Elvas interniert waren, bis sie in ihre Heimat zurückgeschickt wurden.
Inzwischen erinnern sich die meisten Flieger liebevoll an die vergangenen Tage in Portugal zurück. An das Zusammensein mit der Bevölkerung und die Toleranz der Behörden. In der Stadt im Alentejo gibt es sogar in den Familienalben Fotos von den vielen Fliegern, die dort waren.
Abgesehen davon gibt es eine andere interessante Tatsache. Außer daß es ein neutraler, nicht kriegführender Staat war und Wolfram und Rohstoffe an Deutschland verkaufte, war Portugal ein Land, das die Alliierten favorisierten.
Für die britische Diplomatie, längst mit starken und alten Beziehungen zu Portugal, war es einfach, die alliierten Besatzungen zu evakuieren.
Spanien dagegen war Sympathisant der Achsenmächte und vielleicht erklärt das die Tatsache, daß sie nur von sechs Landungen der Deutschen in Portugal wußten.
Übrigens steht im Titel des Buchs das Verb “aterrar” (landen) im Imperativ: Landet hier. “Während des Krieges überflogen tausende Flugzeuge Portugal. Es wurde ein Befehl erlassen“, so berichteten mir zumindest diverse alliierte Piloten, „in Portugal zu landen, falls es irgendwelche Probleme während des Fluges gab”.
Guerreiro fügt hinzu, “ich habe großen Respekt gegenüber allen Menschen entwickelt, die ich interviewt habe. Es war nicht einfach, aber in vielen Fällen habe ich es geschafft, ganz offen mit den Menschen zu sprechen. Viele von ihnen durchlebten traumatische Situationen. Tote Kameraden, Probleme, Schwierigkeiten. Ich erinnere mich an einen Herrn, der nie auf einen Brief geantwortet hat, den ich ihm geschrieben habe. Später begriff ich warum. All seine Kameraden, mit denen er in Portugal interniert war, fielen später im Krieg. Er war der einzig Überlebende”, erzählt er.
“So etwas hinterläßt natürlich Narben. Ich habe es aber geschafft, daß die Menschen Vertrauen zu mir gefaßt haben, mir sogar Dokumente geschickt haben; all das war für mich als Journalisten sehr lehrreich”, schließt er.
Dank der Bemühungen des Journalisten kam der Fischer aus Faro fast siebzig Jahre nach seiner Heldentat noch zu Ehren. Guerreiro konnte 1999 sogar per Videokonferenz die Beteiligten zusammenbringen. Zwei der drei Beasatzungsmitglieder, die bei der Notlandung 1943 vor Serpa dabei waren und die sich seit damals nicht mehr gesehen haben, sind nach über 60 Jahren wieder miteinander in Kontakt getreten.
“Ich hoffe, daß das erst der Anfang ist und andere Menschen mit den Nachforschungen fortfahren”, schließt er.








