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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Graffiti – Kunst oder Vandalismus?

SEN – verborgenes Talen

Da bleibt keiner unbeeindruckt. Die Stadt Olhão wird bunter und bunter. Und einige betiteln sie schon als Hauptstadt des Graffiti, was sie den großartigen Werken, die die geschickten Hände von Dário Silva, 22 Jahre, entstehen lassen, verdankt. Er ist eher unter seinem Künstlernamen SEN bekannt, der sich von “Senador” ableitet und an den amerikanischen Hip-Hop erinnert. Der Autodidakt SEN hat sich die Algarve für seine Straßenkunst ausgewählt. Es kommen schon Leute aus den verschiedensten Ecken Europas, um mit ihm zu sprayen. Und entgegen dem, was man leichthin vermuten würde, gefallen die bebilderten Wände der lokalen Bevölkerung. Hier erfahren Sie warum…
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 591 ( 3 Sep 2009), Ohne Kommentare »
Bruno Filipe Pires
Dário Silva

Wer dieser Tage nach Olhão fährt, den empfängt ein farbenfrohes «Bem-vindo». Ein erfreuliches Graffiti und keine Schmiererei, wie man sie so oft sieht. Folgt man der EN 125 weiter, fällt der Blick auf eine bunte Figur, die die Aufmerksamkeit der Vorbeifahrenden mit einem frechen “I made you look!” auf sich zieht. Diese und viele andere der Straßenkunstwerke tragen eine Signatur aus drei Buchstaben – SEN.

Wir treffen uns am helllichten Tage und nicht im Verborgenen, zwischen Spraydosen in einer dunklen Gasse, wie man sich das leicht denken könnte. Er trägt ein T-Shirt, das sein Manifest ist – “Graffiti Bomber». SEN berichtet, dass er 1999 begonnen hat, mit nur 12 Jahren, beeinflusst von den ersten Graffiti, die er in Quarteira und Faro beobachtet hat.

Seine halb verborgenen Aktivitäten brachten SEN schon unzählige Probleme mit dem Gesetz ein. Er war schon “tausende Male” auf der Wache, zahlte diverse Strafen und erzählt, dass die Polizei sogar schon an seiner Leiter gerüttelt hat, um ihn herunterzuholen, als er die Fassade eines alten Hauses ansprühen wollte. Heute “spraye ich mitten am Tag”, sagt er.

Die Haltung des jungen Mannes wirft erneut die viel diskutierte Frage auf, bei der man sich selten einig ist: Ist Graffiti nun Vandalismus oder ins Abseits gedrängte Kunst? So wie in den anderen Bereichen, die gesellschaftlich eher akzeptiert sind, müssen wir uns darüber bewusst sein, was wir tun.

“Ich bin nicht daran interessiert, Monumente zu zerstören, ganz und gar nicht. Ich respektiere Marmor, Fenster und bewohnte Gebäude. Ich respektiere das alles, verstehen Sie? Ich besprühe nur verlassene Häuser und kahle Wände entlang der Bahngleise. Inzwischen versuche ich Dinge zu machen, die die Leute mögen”, sagt er.

Jeder Platz wird mit Fingerspitzengefühl ausgewählt. Die besten nennen sich “Hotspots”. Manchmal ist es möglich, sie auf legale Weise zu verschönern. “Es reicht aus, den Besitzer der Wand zu fragen”, erklärt er uns, während er uns ein Papier mit dem Stempel einer örtlichen Fabrik zeigt. Die Unterschrift der Geschäftsleitung kann schon ausreichen, um die Polizei zu beruhigen. Ein Beispiel, wie die Bevölkerung ihn unterstützt, sind die Delphine an der Hauswand eines Cafés in der Nähe der Docks, die er auf Wunsch des Eigentümers dort angebracht hat.

SEN ist inzwischen so bekannt, dass er viele Anfragen für die unterschiedlichsten Werke erhält, alle hundert Prozent legal. Viele Familien bitten ihn, die Zimmer ihrer Kinder zu dekorieren. Eine gute Einnahmequelle, aber er macht es in erster Linie aus Freude und nicht aus finanziellem Interesse.

Er hat sogar schon ein Autohaus geschmückt. “Wir haben nun Besucher hier, die sich nicht nur die Autos ansehen wollen, sondern auch die Kunst”, erzählt Lena Currito vom „Stand 1ª Circular“, in Tavira. SEN wurde auch eingeladen, ein Graffiti im ersten Stock des neuen Einkaufzentrums «Ria Shopping» zu machen.

Eines der Werke, auf das SEN besonders Stolz ist, befindet sich an der Fassade eines Gebäudes in seinem Stadtteil. Es ist der «Rosarote Panter», der letzten Juni entstand.

“Ich wartete zwei ganze Nachmittage auf ein Gespräch mit dem Bürgermeister, um die Erlaubnis einzuholen. Er sagte mir, ich solle das Projekt aufzeichnen, um es zu präsentieren, aber ich mag nicht auf Papier arbeiten”. Ein Akt, der banal scheint, aber für einen jungen Mann, der sich stets mit einem Fuß in der Illegalität befand, ist es eine Lektion als Bürger.

Am Ende wurde es genehmigt und zusammen mit seiner “Crew” und Gästen besorgten sie sich die Farben. Sie bekamen ein Gerüst und bezogen die gesamte Nachbarschaft in den Prozess mit ein. Der Erfolg war so groß, dass die Anwohner ein weiteres Bild auf der anderen Seite des Gebäudes wollten.

Stolz, dass seine Werke Olhão erfreuen und auf die vielen Stunden, die er sich der Graffiti-Kunst gewidmet hat, verspricht SEN weiterzumachen, dort wo man ihn lässt und an anderen Orten, wo Platz ist für ein “verborgenes Talent”.

Ist Graffiti ein Verbrechen? Was das Gesetz dazu sagt.

Laut Alexander Rathenau, Anwalt und Rechtsberater unserer Zeitung, gilt Graffiti in bestimmten Fällen als freie Ausdrucksform. Aber es ist kein uneingeschränktes Recht ist, und die Ausübung darf nicht mit anderen verfassungsgemäßen Regelungen in Konflikt geraten, insbesondere mit dem Eingentümerrecht. Das bedeutet, es ist nicht legal, überall oder an allen Häusern Graffiti zu hinterlassen, sondern nur an den Orten, die dafür vorgesehen sind. Aus juristischer Sicht, begeht derjenige der fremdes Eigentum ganz oder zum Teil beschädigt, verunstaltet oder unbrauchbar macht, nach Artikel 212 des portugiesischen Strafgesetzbuches, ein Verbrechen. Dieses Verbrechen kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden. In der Praxis hängt der Strafprozess von der Klage ab, die bei den Behörden eingeht.

“Graffiti ja, aber an genehmigten Stellen”, sagt Macário Correia

Wir fragen Macário Correia, Vorstand von AMAL (Associação de Municípios do Algarve), Bügermeister von Tavira und Bügermeisterkandidat in Faro, was er über Graffiti denkt.

“Es ist ein Phänomen, das mich besorgt, da es in einigen Fällen die Stadt verschandelt. Trotzdem ist aber ein gut gemachtes Graffiti ein Kunstwerk. In einigen Fällen sind es Referenzstücke, die echte Bewunderung verdienen. Leider ist es aber in den meisten Fällen, ein Akt des Vandalismus, bei dem das private Eigentum nicht respektiert wird”, erklärt er.

Auf die Frage hin, welches die beste Strategie sei, mit diesem Problem umzugehen, unterstützt Macário Correia nicht die Unterbindung. “Ich verteidige die Idee, dass die Gemeinden jungen Leuten Wände zur Verfügung stellen, damit sie sich dort gezielt austoben können. Zum Beispiel Wände von Gebäuden, die keine besondere Funktion haben, natürlich in Zonen, wo es nicht mit anderen Aktivitäten in Konflikt gerät. Ich denke, dass die Gemeinden diejenigen, die Graffiti machen wollen, dazu bringen können, das an einem angemessenem Ort zu tun und diese Kunstform unterstützen können”, schließt er.

Bahntrassen – das Hauptziel?

Im Juni 2008 wurden die alten und obsoleten Schienenbusse, die an der Algarve fuhren, Ziel einer Attacke einiger mit Spraydosen Bewaffneter. Laut SEN sind in der Graffiti-Szene diejenigen, die es schaffen, einen Zug zu besprühen, sehr angesehen. Aber entgegen dem, was in Lissabon passiert ist, wo es eine für Srayer begehrenswerte Flotte S- und U-Bahnen gibt, besteht hier nicht nur der Wunsch,die Züge zu besprühen. In den letzten Monaten, sind fast alle Bahnstationen und Haltestellen von Vila Real de Santo António bis Lagos nicht wiederzuerkennen. Auf dem ehemals traditionellen Weiß, glänzen heute jede Art Schriftzüge – eine Art moderne Hieroglyphen. “Das ist nicht nur an der Algarve so, es ist landesweit”, klagt Susana Abrantes, Sprecherin von REFER. “Es ist ein soziales Problem, das uns sehr betrübt, und wir können das nur bedauern”, sagt sie. Bezüglich des schlechten Bildes, das es auf Touristen machen könnte, glaubt Abrantes, dass es ein allgemein schwerwiegendes Problem in ganz Europa sei.

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