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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Guillaume Leroux - Monte da Casteleja

Wein, den man nicht vergisst…

Es ist wieder Zeit, Wein zu produzieren… Ende August, Anfang September ist traditionell der Zeitraum, in dem sich die Weinbaugebiete an der Algarve mit Traubenpflückern füllen und die Adegas (Weinlagerstätten) in der ganzen Region Bienenstöcken gleichen. Für die Hauptproduzenten in der Region ist dieses Jahr ein ganz besonderes. Zum ersten Mal wurden sie in einen offiziellen Weinführer aufgenommen – A Guia dos Vinhos do Algarve – und das wird auf einer großen Ausstellungsfläche auf der jährlichen Messe FATACIL zelebriert, die noch bis Sonntag in Lagoa läuft. Für das abgelegene Weingut Monte da Casteleja, bei Lagos, ist es das erste Jahr, in dem sein Wein wirklich „biologisch“ genannt werden kann. Wenn die Ernte von 2009 in Flaschen abgefüllt ist und 2011 in den Verkauf kommt, darf endlich „Bio“ auf den Etiketten stehen, etwas was der Produzent Guillaume Leroux angestrebt hat, seit er vor neun Jahren begann, Wein anzupflanzen. Um diesen Meilenstein zu feiern – und um einer traditionellen familiären ‘Vindima’ (Weinlese) beizuwohnen – besuchten wir die Quinta de Monte da Casteleja eines frühen, sehr, sehr heißen Augustmorgens.
Natasha Donn, Ausgabe 590 (27 Aug 2009), Ohne Kommentare »
Natasha Donn

7:30 Uhr. Autos und Transporter trudeln langsam an der drei Hektar großen Farm ein, die ganz in der Nähe von Lagos liegt. Es steigt eine außergewöhnliche, internationale Gruppe aus, die sich entschlossen hat, ihren Sonntag sausen zu lassen, um der Familie Leroux bei der Herstellung ihres besonderen, irgendwie magischen Fabrikats zu helfen. Es sind einige Deutsche, einige Franzosen, ein schwedischer Friseur, zwei holländische Künstler, ein junges spanisches Paar, eine Engländerin, eine neuseeländische WWOOFerin („World wide activities on organic farms“/ Freiwillige Helfer auf ökologischen Höfen) und sogar ein paar Amerikaner. Einige von ihnen kennen sich bereits, andere sind alte Freunde, und ein paar wenige kennen fast niemanden. Für die New Yorker Christine und Alexandra ist dies eine “völlig neue Erfahrung”.

Alle Neuankömmlinge bekommen eine Willkommenstasse schwarzen Kaffes, einen Eimer und eine Schere und werden in die sonnenüberfluteten Weinstöcke ausgesandt. Unter dem strahlend blauen Himmel befinden sich mehr als ein Hektar voller Trauben, die nur darauf warten, gepflückt zu werden. Es ist die Traubensorte ‘Bastardo’, aus der üblicherweise Monte da Castelejas zunehmend beliebter Rotwein hergestellt wird. Bastardo ist eine alte Rebsorte – andernorts schon ausgerottet, da sie sehr anfällig für Krankheiten ist und einen niedrigen Ertrag bringt. Diese potentiell negativen Charakteristika beunruhigen Leroux keineswegs. Er weiß mit den Krankheiten umzugehen – und ein hoher Ertrag interessiert ihn nicht.

“Ich habe Jahre damit verbracht, das beste Verfahren und die besten Traubensorten für diesen Ort herauszufinden”, berichtete er uns schon 2007, als wir das erste Mal seine Weinberge besucht haben. “Es ist eine Leidenschaft geworden. Ich möchte einmalige Weine produzieren. An Quantität bin ich nicht interessiert – nur daran, Qualität und individuelle Weine zu schaffen, nach denen die Leute Ausschau halten. Weine, die das wahre Aroma der Algarve zelebrieren.”

Und in den fünf Jahren, in denen er, seit er den Hof von seinen Großeltern geerbt hat, Wein produziert, wurde dieses Bestreben Realität.

“All die harte Arbeit zahlt sich aus”, lächelt seine Frau und treueste Sympathisantin Maria.

“Mehr und mehr Leute kommen nun zu uns, um den Wein direkt hier zu kaufen. Wir sind gut beschäftigt, die Weinhandlungen zu beliefern, die unseren Wein anbieten”.

Maria betont: “Wenn Sie Bio-Weine mögen - genau wie bei Bio-Lebensmitteln - macht es mehr Sinn, ‘einheimischen’ zu kaufen. Die Trauben müssen nicht weit transportiert werden und man genießt den Geschmack seiner Gegend!”

Maria ist in den vierzehn Jahren, in denen sie mit einem Weinproduzenten verheiratet ist, Expertin geworden. “Als wir uns das erste Mal trafen, mochte ich den Geschmack von Wein nicht”, lacht sie. “Stück für Stück habe ich gelernt, was es bedeutet, einen guten Wein zu schätzen.”

Sie ist hoch erfreut, dass ihr Ehemann letztlich zu einem wahren Biobauern geworden ist, “da das auch bedeutet, dass wir die Trauben direkt von der Rebe essen können!”

Als die Hitze bei der Ernte noch zulegt, probieren einige von uns die Trauben, die wir von den Ästen schnippeln. Sie sind ausnehmend süß – schmelzen geradezu im Mund.

Gegen 10 Uhr sind sie nicht das einzige, das schmilzt. Das angeregte Geplapper vom Morgen lässt nach, und versiegt gänzlich. Einige singen leise vor sich hin, andere wischen sich seufzend über das Gesicht. Was für ein Tag, um in der Sonne zu arbeiten!

Kurz nach 13 Uhr haben es 20 Leute geschafft, gute 3.000 Kilo Trauben zu ernten. Die bedeuten ungefähr 1.800 Liter Rotwein. Es war ein ganz besonderer Morgen – eine ungewöhnlich reiche Ausbeute… und die freiwilligen Helfer schaffen es kaum noch bis an den Mittagstisch!

Nun wird in einen anderen Gang gewechselt. Die harte Arbeit ist getan… Zeit für den lustigen Teil. Gespräche, Wein, köstliche Salate und die Vorfreude auf Schritt Nummer Zwei: das Traubentreten.

Kinder, die sich bisher erstaunlich ruhig verhalten haben, tauchen auf und genießen das Essen und die freundliche Atmosphäre im Schatten. Einige der Erwachsenen strecken sich für ein Nickerchen aus, andere sitzen herum und erzählen Geschichten, tauschen Anekdoten aus. Guillaume bringt alle Trauben in die Halle (“Hier draußen sind 35 Grad… Sie haben keine Lust mehr in der Sonne zu sitzen!”), und schmeißt den Traktor an. Die Kinder stapeln sich hinten drauf. Zeit für den zweiten Schritt.

Die Kleinen sind die ersten im “Lagar” (Weinkelter). Bis auf die Schlüpfer ausgezogen, gehen sie ganz in ihrer neuen Aufgabe auf. Leroux ist damit beschäftigt, Behälter mit Trauben in eine Maschine zu füllen, die sie von den Stielen trennt. Maria erscheint mit ein paar CDs, einer der Gäste beginnt, einen Plastikbehälter als Bongo zu benutzen und das kontrollierte Chaos des Traubentreten kommt voll in Schwung.

Hier treffen die Monate harter Arbeit, Jahre der Erfahrung und die Traditionen einer Kultur auf freudvolle Weise zusammen.

Etwas ältere Beine stampfen in den anderen Bottichen. Die beiden Mädchen aus New York schaffen es, immer noch so auszusehen, als wären sie gerade auf eine Cocktail-Party gekommen, während die in der Quinta neu angekommenen Hausgäste aus Spanien große Augen machen.

Es war ein fabelhafter Tag – und das Traubentreten wird so noch zwei bis drei Stunden weiter gehen. Die Trauben müssen zermatscht werden, ihr Tannin und die satte Farbe aus der Haut abgeben.

“Ich werde nie wieder ein Flasche Wein anschauen können, ohne an all das hier zu denken,” lächelt Christine, die Anfang September wieder zurück in New York sein wird.

Eine wahrlich unvergessliche Wein-Erfahrung…

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