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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Das Schweigen der Unschuldigen

Am Freitag, dem 29.Mai, fand im kürzlich eröffneten “Centro Autárquico” in Quarteira das Seminar «Contextos & Pretextos» statt, eine Initiative des Jugendschutzes Loulé (Comissão de Protecção de Crianças e Jovens, CPCJ). Die Diskussion vereint Verantwortliche und unterschiedliche sozial aktive Fachkräfte an einem Tisch, die täglich mit dem Problem gefährdeter Jugendlicher konfrontiert werden.
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 578 ( 4 Jun 2009), Ohne Kommentare »

“Wir durchleben eine Wertekrise, die nicht leicht zu überwinden ist. Seit sieben Jahren ist der Jugendschutz Loulé täglich mit der Lösung der Probleme Jugendlicher konfrontiert”, sagt Seruca Emídio bei Eröffnung des Seminars. Laut der Gemeinde Loulé waren es im Jahr 2008 ganze 170 Prozesse, und die Zahl stieg schon in den ersten fünf Monaten 2009 auf 214.

285 Mitarbeiter des CCPJ arbeiten an vorderster Front im ganzen Land verteilt, 13 davon an der Algarve. Sie haben zum Ziel, Situationen, in denen die Sicherheit, die Gesundheit, die Bildung, die Erziehung oder die ganzheitliche Entwicklung der Kinder gefährdet sind, vorzubeugen oder zu klären.

Dabei geht es in der Regel um Kinder und Jugendliche unter 18, die sich in gefährdeten Situationen befinden (verlassen, vernachlässigt, sexuell missbraucht, Kinderarbeit, etc).

Das tatsächliche Ausmaß der Misshandlung von Kindern in sämtlichen Formen ist noch unbekannt, aber so ernst, dass der nationale Gesundheitsdienst (Serviço Nacional de Saúde) sich organisiert hat, “um auf diese Problematik, die auf einen großen Teil der Bevölkerung in ihren jungen Lebensjahren Auswirkungen hat” zu reagieren, erklärt Bárbara Menezes, Krankenschwester im Gesundheitszentrum Loulé.

“Das Phänomen der Kindesmisshandlung ist komplex und wird heutzutage als klinisch erkannt”, sagt Menezes, die auch regionale Koordinatorin der «Acção da Saúde para Crianças e Jovens em Risco», einer neuen staatliche Initiative (am 5. Dezember 2008 von der Ministerin Ana Jorge anerkannt) ist.

Zu den unterschiedlichen Maßnahmen gehört die Schaffung von sogenannten «Núcleos de Apoio à Criança e Jovem em Risco» (Hilfszentren für gefährdete Kinder und Jugendliche). An der Algarve sind bereits vier in Betrieb: im Krankenhaus Faro und in den Gesundheitszentren Albufeira, Loulé und Olhão. Landesweit arbeiten bisher 63 Fachkräfte in 16 Krankenhäusern und 47 Gesundheitszentren.

Eine der Hauptaufgaben ist, “sicherzustellen, dass risikoreiche Situationen frühzeitig entdeckt werden. Es tauchen viele Kinder zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr mit schweren Verhaltensstörungen auf, d.h. zu Beginn ihrer schulischen Laufbahn. Diese Kinder erlitten mit Sicherheit eine Form des Missbrauches. Die Zentren sollen Fachkräfte, Haus- und Kinderärzte sensibilisieren, Alarmzeichen schneller wahrzunehmen - so früh wie möglich”, erklärt Menezes.

Für Rui Lourenço, Präsident der regionalen Gesundheitsbehörde der Algarve (Administração Regional de Saúde), “besteht das Problem manchmal darin, dass das Risiko nicht erkennbar ist. Das Kind kann die Schule früh verlassen haben oder medizinisch nicht versorgt worden sein”.

Auch die Polizei hat täglich mit diesen Problemen zu kämpfen.

Ana Paula Rito, Koordinatorin strafrechtlicher Untersuchungen im “Directoria de Faro da Polícia Judiciária” erläutert, warum sich die Arbeit oft als so schwierig erweist.

“Wir haben eine idyllische Vorstellung, wie Nachforschungen aussehen - Fernsehen und Kino implizieren diese. In der Realität - und besonders, wenn es Minderjährige betrifft - ist es sehr viel komplizierter. Man darf nicht vergessen, dass es sich um Kinder handelt. Ein Eingreifen der Polizei oder Strafprozesse sollten der letzte Schritt sein”, sagt sie.

Es ist die Aufgabe der Polizei, bei Verbrechen “gegen die Freiheit und gegen die selbstbestimmte Sexualität Minderjähriger und derjenigen, die nicht in der Lage sind, solche Entscheidungen selbst zu fällen” einzuschreiten. Das beinhaltet Szenarien sexuellen Missbrauchs von Kindern, Sex mit Jugendlichen, Pornografie, Prostitution von Minderjährigen.

“Bei einer detaillierten Analyse fällt auf, dass die meisten Fälle, die uns erreichen, sehr junge Kinder betrifft. Täglich erreichen uns viele verschiedene solcher Fälle. Die einzigen Zeugen dabei sind die Opfer und die Täter - das ist ein großes Problem, wenn es zur Anklage kommt. Wir sind oft frustriert, weil wir das Kind schützen wollen – aber auch sicher stellen wollen, dass der Täter vor Gericht kommt”.

Gleichzeitig haben die Behörden häufig mit dem fehlenden gesunden Menschenverstand der Elterteile zu kämpfen. “Wir erhalten auch viele falsche Anschuldigungen, besonders, wenn die Eltern in den Rechtsstreit verwickelt sind. Sie sind der festen Überzeugung, dass es in jedem Fall gut ist, die Polizei zu alarmieren. Damit wird die Wahrscheinlichkeit gesenkt, dass das Kind der elterlichen Gewalt zugeschrieben wird. Am Ende leidet immer das Kind,”berichtet sie.

Ana Paula Rito sprach auch über das Problem der Kinderpornografie-Netzwerke und über die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit. Im Laufe der Diskussion kam auch der Fall “Alexandra” auf. Ein kleines russisches Mädchen, das nach einem portugiesischen Gerichtsbeschluss in die Obhut ihrer biologischen Mutter zurückkam.

“Es wird viel über die Vorrangigkeit der Interessen der Kinder gesprochen, aber so oft sehen wir gerichtliche Beschlüsse, die diesen nicht entsprechen. Wissen die Verantwortlichen eigentlich wirklich, was das Beste für die Kinder ist, deren Fälle sie bearbeiten?”, fragt eine anwesende Juristin aus einem Kinderhilfsinstitut.

Am Ende der offenen Veranstaltung sind sich alle Experten einig: “In Anbetracht der Mehrung der Fälle, sind die Hilfsmittel immer unzulänglich”. Der Weg, den es zum Schutz der Kinder einzuschlagen gilt, ist “der der gemeinsamen Verantwortung und die frühstmögliche Aufdeckung solcher Problemfälle”.

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