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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Highlights & Low points

VIA ALGARVIANA (IV/IV)

Die Via Algarviana ist die beste Methode, ein paar Kilogramm Körpergewicht loszuwerden. Vergessen wir alles, was uns die Werbung zum Thema Abnehmen vorgaukelt und nur unnützes Geld kostet. Denn Wandern ist die natürlichste, gesündeste und billigste Kur, der Zivilisationsfalle mit all ihren Versuchungen zu entgehen. Mit der Bewegung der Beine beginnt die Wiederentdeckung der langsamsten Fortbewegungsart seit der Erfindung des Rades. Beim Wandern wird ein Rhythmus geboren, bei drei, vier oder fünf Kilometern pro Stunde. Darüber hinaus steht die Farbe Grün für tiefes Wohlempfinden und Gesundung: Grün beruhigt die Psyche, kuriert Bluthochdruck und bringt Seele und Körper zurück ins Lot. Wandern gehört zu den schönsten Therapien, um gestresste Banker, ausgepowerte Manager und überdrehte Politiker ins wirkliche Leben zurückzuholen.
Uwe Heitkamp, Ausgabe 575 (14 Mai 2009), Ohne Kommentare »
Uwe Heitkamp

Wer die Via Algarviana und ihre 340 Kilometer erwandern möchte, kann das in einem Stück tun und wird 13 bis 14 Tage dafür benötigen. Es ist aber auch möglich, die gesamte Strecke in vielen kleinen Tageswanderungen zu bewältigen, an Wochenenden und Feiertagen. Wer für die Via Algarviana seinen Urlaub nutzt, wer aus dem Ausland anreist und der portugiesischen Sprache nicht mächtig ist, sollte sich am besten einen sprachbegabten Führer besorgen oder sich einer Wandergruppe anschließen, um am Ende eines Tages nicht zu verhungern und um sicher zu gehen, eine Unterkunft zu ergattern. Denn das Hinterland der Algarve hat den Zivilisationskrankheiten des Tourismus bisher erfolgreich getrotzt: wenig geteerte Straßen, kaum Hotels und Restaurants.

Tagebuch: Doch die Via Algarviana offenbart auch ihre Schwächen. Am 11. Wandertag erreiche ich Bensafrim, eine kleine Gemeinde bei Lagos, durch die eine Straße mit viel Verkehr führt. Wer aus der Natur kommt, wird hier erst einmal richtig gestreßt. Der schmale Wanderweg mündet in eine geteerte Nationalstraße: Busse, Autos, LKW’s gehören zu den unerwünschten Begegnungen. Dann kommt die Autobahn und der Regen. Es ist kein Baum in der Nähe zum Unterstellen, nur Asphalt und Beton weit und breit. Was macht man da? Der beste Schutz vor Regen ist dann eine Autobahnbrücke. Dort wartet man, bis der Regen aufhört. Ähnliches erfuhr ich Tage zuvor in São Bartolomeus de Messines bei Silves. Raus aus der Natur, hinein in das Chaos der Welt unserer Motoren und Abgase. Messines und Bensafrim gehören zu den absoluten Tiefpunkten der Via Algarviana. Gott sei Dank sind sie die Ausnahme...

Andere Länder, andere Sitten; das Hinterland der Algarve zu Fuß kennenzulernen, ist eine echte Herausforderung und ein Widerspruch in sich. Denn Tourismus gibt es ja nur an der Küste. Obwohl das Land dringend auf Urlauber angewiesen ist und besonders, weil es sich dem Tourismus mit Haut und Harren verkauft, behandelt es viele seiner geldbringenden Urlauber wie Kühe, die man nur melkt, in die Ecke stellt und einfach vergißt. Ein stimmiges Angebot und Preis-Leistungsverhältnis bei Hotels und Restaurants gepaart mit freundlichem Service und Professionalismus - das sucht der Urlauber an der Algarve sehr oft vergeblich. Vielleicht liegt es daran, daß den meisten Menschen bei Löhnen um 700 Euro die Lust aufs Arbeiten vergeht? Die Küste bei Vilamoura, Albufeira, Armação de Pêra, Praia da Rocha u.a. ist zu Bettenburgen verkommen. Die Via Algarviana könnte sich zu einer echten Alternative entwickeln, im puren Gegensatz zum Massenangebot der Reiseveranstalter Neckermann, TUI, Olimar, Thomas Cook, Thomsons und First Choise. Wanderurlaub ist eine Nische für Menschen, die zurück zur Natur möchten – und deshalb die betonierte Küste meiden wie die Pest. Sie sind auch kaum bereit, für Bett & Breakfast astronomische Preise zu zahlen, die im krassen Widerspruch zum Einkommen im Land stehen.

Tagebuch: Doch so schnell wie die Autobahnbrücke bei Bensafrim aus dem Blickfeld rutscht, kommt die Natur zurück. Ich wandere durch einen Korkeichenwald, der erst vor drei Jahren geschnitten wurde. Die Natur entwickelt sich zu einem Märchenwald, recht und links knorrige Stämme, die alle krumm und schief gewachsen sind. Ich gehe einen kleinen Pfad von Eichen gesäumt, die Schatten spenden. Es riecht nach Pilzen und Moos. Das Unterholz ist gesäubert von schnell entflammbarem Gestrüpp; Prävention vor Waldbränden. Kleine Korkeichen wachsen neben großen, jahrhunderte alte Bäume stehen neben jungen Pflanzen, die gerade aus Eicheln sprießen. Solche Wälder sind selten geworden an der Algarve. Auf dem Weg nach Barão de São João finde ich dann eine der besten Unterkünfte auf der gesamten Wandertour: die Pension Monte Rosa.

14 Tage Wandertour gehen ihrem Ende entgegen. In Alcoutim an der spanischen Grenze begonnen, führt die Route in den ersten fünf Tagen durch die stille aber wilde Ostalgarve der Landkreise Castro Marim, Tavira und Loulé. Stets ein auf und ab. Ein echter Höhepunkt ist die Passage von Cachopo über Alcaria Alta nach Barranco do Velho mit der Furt des Flusses Odeleite. Danach ändert sich die Serra de Calderão und macht den sanfteren Hügeln von Salir und Alte Platz. Es geht um die Stauseen des Funcho und Arade in den Landkreis Silves hinein. Von dort wandert man in die Bergwelt von Monchique hinein, höher und höher, bis hinauf auch das Dach der Algarve: den Gipfel Picota und danach um den Foia (900 mtr) herum. Schaf- und Ziegenherden, wilde Kühe die hier und dort weiden, immer wieder Hunde, die einen anbellen und Adler, die ihre Kreise ziehen, Otter, Füchse, Wildschweine und viele andere Tiere, die einem begegnen; Menschen ohne Hast und Eile, die verweilen und nach einem anderen Rhythmus leben: ohne Uhr, ohne Terminkalender, ohne Mobiltelefon und ohne Auto. Eine Welt tut sich auf, die traditonelle Lebensweise zeigt: Landwirtschaft und Handwerk. Die Wanderung endet abrupt am Südwestkap Europas. Die Brandung des Atlantiks bricht am hohen, schroffen Fels. Kilometerlange, leere Strände im Frühjahr. Dort, wo das Cabo de São Viocente den stärksten Leuchtturm Portugals beherbergt, endet die alte Welt. Der Weg ist das Ziel!

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