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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Doch womit beginnen?

VIA ALGARVIANA (I/IV)

Wer eine Reise tut, kann viel erzählen. Doch womit beginnen? Die Algarve zu Fuß von Nordosten nach Südwesten in 13 Tagen zu durchqueren, ist noch immer eine ziemlich ungewöhnliche Reiseart. Es ist eine Reise gegen den Strom der Zeit. Ein paar Tage vor uns wanderten 24 Naturfreunde des Vereins «Almargem», fuhren 44 Radfahrer und ritten zehn Reiter die Via Algarviana, die in Alcoutim ihren Anfang nimmt und am Südwestkap ihr Ende. Wir - Laila, Sara und Uwe - hatten uns über Ostern Urlaub genommen und wollten die rund 340 km lange Strecke zusammen wandern. Für den Chronisten der Erzählung ist es bereits die zweite Wanderung nach 2008.
Uwe Heitkamp, Ausgabe 572 (23 Apr 2009), Ohne Kommentare »
Uwe Heitkamp
Hugo Stumpf e Sara Pittalis

Manchmal war es richtig einfach. In einigen kritischen Situationen, in denen die Beschilderung des Pfades noch fehlte, wanderten wir auf den Spuren der Pferde: immer den Kötteln nach. Diese führten mich am zehnten Tag der Wanderung südlich von Marmelete im Landkreis Monchique in eine öde Wüste von Eukalyptus-„Wäldern“, eine Sache, die den Namen Wald nicht verdient. Dort hat man richtigerweise damit begonnen, dem Zahn des Übels – den Waldbränden – die Wurzeln zu ziehen. Doch dann stolperte ich nördlich von Mealha in eine kilometerlange Neuanpflanzung.

Die Menschen haben ein schwaches Gedächtnis. Im August 2003 raste eine eukalyptusgetränkte Feuerwalze von Casais kommend über Marmelete hinweg nach Aljezur. In nur wenigen Stunden sprang der „blanke Hans“ in meterhohen Feuerwänden mehr als 30 Kilometer bis nach Aljezur und Odemira. Hundert Häuser brannten nieder. In Marmelete gibt es auch heute nur ein Feuerwehrauto, aber viele neue Felder, auf denen ich ganz jungen Eukalyptus vorfinde. Auf meinem Wanderweg stolpere ich durch ein abgeholztes Depot. Rechts und links sind die abgeholzten Stämme meterhoch aufgeschichtet. Dazwischen liegen auf dem Weg die Setzkästen von rund 8.000 jungen Eukalyptuspflanzen und leere orangefarbene Säcke von Kunstdünger. Hier geht es zu wie auf einer Müllkippe. Es beginnt zu regnen. Ich ziehe mir mein Regencape über und wandere weiter. In Monchique regiert der Mensch gegen die Natur.

Wer die wirkliche Algarve kennenlernen möchte, oder wer sich ein reales Bild vom Zustand unseres Landes machen möchte, nehme sich 14 Tage Zeit und gehe die alte Pilgerroute von Alcoutim ans Südwestkap. Der Wanderer trifft dabei auch auf einen jahrhundertalten Baumbestand von Korkeichen, Olivenhainen und Johannisbrotwäldern im Landkreis Loulé, zwischen Salir und Alte. Wunderschöne knorrige Gebilde, die am Wegesrand Spalier stehen und uns am Ostersamstag beeindrucken. Wir treffen Hugo Stumpf, den Tourismuspionier der Algarve. 70-jährig wandert er flotten Schrittes mit uns die 17 Kilometer von Salir nach Alte. Auch er gehört zu der kleinen, erlesenen Schar von heimischen Naturfreunden, die sowohl den Jakobsweg nach Santiago de Compostela als auch die Via Algarviana kennen. In ihrer Mitte zeigt uns der frühlingshafte Wanderweg ein Meer an Kräutern und Blumen: gelber Ginster, blaublühender Lavendel, rosefarbene Lilien, lila Iris, grüne Minze, Thymian und Rosmarin und immer wieder wilde Orchideen. Ein wunderbarer Urlaub für die Augen. Und noch schöner wandert es sich für die Nase: Erlesene Düfte entsteigen der Via Algarviana. Schweres und leichtes, süßes und herbes, wildes und gezähmtes Parfüm der Natur begleitet uns von morgens bis abends.

Die Via Algarviana hält viele Melodien für Ohren und Gemüt bereit: Die Nachtigall trillert uns in den Schlaf. Der Kuckuck fliegt am Morgen von Baum zu Baum und begleitet uns rufend. Auch Lerche und Wiedehopf begegnen uns immer wieder mit ihrem hoop-hoop. Überhaupt sind der April und Mai die schönsten Monate des Jahres, um die wirkliche Algarve besser kennenzulernen. Es ist die Zeit, in der sich die Schwalben als die wahren Baumeister des Landes entpuppen: Sowohl horizontal als auch vertikal bauen sie ihre kugelartigen Nester unter den Dachvorsprüngen, auf Lehmbau spezialisiert.

Bereits am zweiten Tag unserer Wanderung, wir befinden uns noch im Nordosten der Algarve, überqueren wir an einem heißen Mittag den Ribeira do Foupana bei Palmeira an der Grenze der Landkreise Castro Marim und Alcoutim. Wir legen unsere Rucksäcke zur Seite, streifen uns die Hosen ab und nehmen ein erfrischendes Bad im kühlen klaren Wasser des Flusses. Am Nachmittag treffen wir in Furnazinhas ein, einem kleinen Dorf, in dem das Casa do Lavrador dem Wanderer ein Bett für die Nacht anbietet. Hier, wo die wenigen Einwohner noch integrierte Landwirtschaft betreiben, gibt es weder Supermärkte noch Einkaufszentren, nicht einmal ein Restaurant. In Furnazinhas leben die Menschen hauptsächlich noch von ihren eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen: von ihren Ziegen, Schafen, Schweinen, den Hühnern und das, was die eigene Scholle hergibt: Kartoffeln, Bohnen, Mais, Zwiebeln, Tomaten, Paprika, Knoblauch. Wir treffen hauptsächlich auf ältere Menschen. Landflucht ist ein aktuelles Thema. Die meisten jungen Menschen wollen in der Stadt leben. Sie verlernen gesunde und natürliche Ernährung, denn die Milch kommt nicht von der Kuh sondern aus dem Supermarkt, wie der Strom aus der Steckdose.

Lesen Sie nächste Woche mehr über die neue Wanderroute Via Algarviana.

Via Algarviana II/IV - Wo übernachten – Wie essen?

Via Algarviana III/IV - Die richtige Ausrüstung ist lebenswichtig

Via Algarviana IV/IV - Highlights & Low points

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