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Erbärmliche Zustände an der Algarve

Lagos: Früher Nachmittag irgendeines Wochentages. Das Sozialamt liegt in einem kleinen Garten, der mit einem staatlichen Kindergarten verbunden ist. Gelegentlich schlängeln sich singende Kinder durch die Menschenmenge, die darauf wartet, an die Reihe zu kommen. Es ist eine willkommene Abwechslung in dem Grau der Realität so vieler Menschen.
14:30 Uhr. Mário Maio, 48, wartet seit 10 Uhr. Seine Nummer, 71, ist immer noch 40 Nummern davon entfernt, angehört zu werden. „So ist das immer,“ seufzt er. Wir wollen von ihm wissen, welches Problem ihn dazu gebracht hat, so viele Stunden in den stickigen, überfüllten Behördenräumen zu warten, doch ein Sicherheitsmann sagt uns, „es ist nicht erlaubt“, mit den Menschen in dem Gebäude zu sprechen. Wir können uns nur mit denen vor der Tür unterhalten…
Draußen ist die Stimmung ein wenig motivierter. Es ist eine Möglichkeit, dem bleiernen Druck ruhig zu sitzen und abzuwarten, an die Reihe zu kommen, zu entfliehen. Doch die Probleme bleiben die selben. Gary Wilmer, 50, ist alleinerziehend, hat 20 Jahre in Porto gelebt und als Animateur gearbeitet. „Ich hatte ein wunderschönes Haus,” berichtet er uns. “Doch vor vier Jahren wurde die Arbeit knapp. Im vergangenen April haben wir uns entschieden, an die Algarve zu kommen. Ich hatte gedacht, ich könnte wenigstens genug Geld machen, damit mein Sohn und ich nach England zurückgehen können – aber es kam nicht dazu.“
Im September lebten Gary und sein 14-jähriger halb-portugiesischer Sohn in ihrem Auto. „Acht Wochen lang hatte ich ernsthaft keinen einzigen Euro in der Tasche. Ich habe auf der Straße gefundene Zigarettenstummel geraucht und gebettelt.
“Ich habe noch nie zuvor Hilfe in Anspruch genommen, aber ich wusste wirklich nicht mehr, was ich tun sollte.”
Vater und Sohn wurden letztlich “wunderbar beim Sozialamt geholfen”. „Wir erhielten genug Geld, um uns eine Wohnung zu nehmen; wir erhielten einige Monate Lebensmittel von der Lebensmittelbank “Banco Alimentar”, und nun bekomme ich einen Minimallohn (rendimento minimo). Sie haben uns hier ganz toll geholfen. Es dauert Stunden, an die Reihe zu kommen, doch das Personal tut alles was es kann, um den Menschen zu helfen.”
Warum war Gary dieses Mal hier? „Ich versuche, von der Gemeinde eine Parzelle zu bekommen, um Gemüse anzubauen, doch die möchte zuvor eine Bescheinigung von der Sozialversicherung, um meine Situation zu bestätigen.“
Von dem Moment an, in dem sich die Türen öffnen, wird mit Hochdruck gearbeitet, doch die “Senhas” (die Wartenummern) werden stets gegen Mittag entfernt.
Die Wartenummern wurden bereits um 11 Uhr heute morgen entfernt,” berichtet uns António José Balhota, 50 Jahre. „Ich hatte Glück, noch eine abzubekommen!”
Um 14 Uhr waren immer noch 20 Leute vor ihm dran. Und was macht er hier?
“Sie haben meinem Kind mal wieder die Unterstützung gestrichen.
Da ist bereits zuvor passiert. Wir bekamen einen Brief, in dem stand, dass wir die Hilfe verlieren oder dass sie gekürzt wird – und natürlich hat man die Möglichkeit, sich innerhalb von ein paar Tagen hier anzustellen und zu beschweren. Es ist ein fürchterlicher Druck für die Menschen. Irgendwie glaube ich, dass die Behörden die Menschen brechen und sie zum Aufgeben zwingen wollen. Nicht viele Menschen halten diese Warteschlangen aus. Doch ich weigere mich aufzugeben. Ich sitze es aus.“
„Zudem bin ich hier, weil meine Frau, nach vielen Jahren Arbeitslosigkeit, plötzlich einen Brief vom Finanzamt bekommen hat, in dem ihr mitgeteilt wurde, dass sie der Sozialversicherung 107 Euro schuldet. Ihr wurde angeblich zu viel gezahlt. Wir haben beide vor kurzem Teilzeitarbeit gefunden, doch es bleibt nichts übrig. Ich muss herausfinden, warum sie der Ansicht sind, dass wir ihnen 107 Euro schulden.”
Luiana Nascimento, 34, kommt gegen Mittag mit ihrer hochschwangeren Schwester Thelma, 26, auf das Amt. „Wir hatten Glück. Es gab zwar keine Wartenummern mehr, aber eine Frau, die nicht länger warten konnte, hat uns ihre gegeben. Es sind nur noch wenige Leute vor uns dran”.
Thelma möchte den Erhalt der Unterstützung beschleunigen, der ihr seit drei Monaten zugesprochen wurde. „Es ist furchtbar, so zu leben,“ schüttelt sie den Kopf.
Ihre Schwester wurde im letzten November von der Stadtverwaltung entlassen. „Ich komme ursprünglich aus dem Alentejo, “ erklärt sie. „Die denken, wir sind Esel… Die ersten, die entlassen werden, sind immer diejenigen ohne weitere Beziehungen in der “câmara” – ohne so genannte “cunha”. Hat man keine, ist man weg vom Fenster. So war es bei mir der Fall, nach sechs Jahren. Ich bin noch nicht einmal vollständig bezahlt worden…”
Was ist zu tun? „Der einzige Weg nach vorn wäre eine Revolution!“ Luiana zuckt mit den Schultern. “Wir brauchen eine Revolution – und wir brauchen einen richtigen Anführer!”
Wir schaffen es, – wieder inoffiziell – mit einem anderen Angestellten zu sprechen, der zu der Nachmittagsschicht kommt. „Wir dürfen nicht mit Journalisten sprechen. Doch das ist nicht richtig. Den Menschen sollte bewusst sein, was los ist – aber die Behörden erlauben es nicht. Das ist keine Demokratie!
„Diese Menschen, die jeden Tag hierher kommen, mögen nur Zahlen für die Behörden sein, doch wir müssen ihnen in die Augen schauen. Für uns sind es Familien, die furchtbare soziale Dramen durchmachen.“
„Das nehmen wir jeden Tag mit nach Hause. Manchmal fühle ich mich richtig schlecht, wenn ich einkaufen gehe – da ich weiß, dass es so viele Menschen gibt, die kein Geld für irgendetwas haben.”
Was denkt dieser Mitarbeiter, was das Jahr 2012 der Algarve bringt? „Es wird schlechter. Bisher war es den Menschen möglich, zumindest in der Saison Arbeit zu finden. Der Sommer war gut, der Winter war schlecht – aber nun hat sich der Sommer rapide auf nur einen sicheren Monat reduziert: den August. In der übrigen Zeit gibt es keine Garantie für Arbeit. Es gibt einfach keine Möglichkeit, dass die Algarve so überleben kann.“
In nahezu letzter Sekunde, kurz vor Redaktionsschluss, erhalten wir eine offizielle Antwort von der Leiterin der Sozialversicherungsbehörde in Faro, Ofélia Ramos, die sagt: „Die Situation, in der wir uns heute befinden – der Anstieg der Arbeitslosigkeit –, hat ein neues Phänomen innerhalb der sozialen Probleme geschaffen.“
„Wir müssen auf bestmögliche Weise denen helfen, die gefährdet sind, sozial ausgeschlossen zu werden. Das bedeutet auch die hohe Rate der Armut zu reduzieren, die es aufgrund des Nationalen Mikrokredit-Programms gibt – das geschaffen wurde, um mit Hilfe der IPSS Organisationen, den Miséricordias und anderen Behörden, die sich für soziale Unterstützung engagieren, Arbeit und Solidaritätsprogramme zu entwickeln.
Sie fügt hinzu, dass dem Sozialwesen wohl bewusst war, dass in einer Zeit der Not und Schwierigkeiten „keiner vergessen werden sollte”.








