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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Lagos

Endstation

Lagos ist die letzte Station auf der Via do Infante – und seit am 8. Dezember die Autobahngebühren in Kraft getreten sind, hat sie Ausmaße einer Geisterstadt angenommen. Die palmengesäumte Avenida, die man mit parkenden Autos gefüllt kennt, ist nun eine gähnend leere Allee; die Straßen sind ruhig; Geschäfte sind mit Brettern vernagelt; die Tankstellen arbeiten mit einem Bruchteil ihrer gewöhnlichen Kapazität. Natürlich war der Januar noch nie ein guter Monat für die Unternehmen an diesem Ende der Küste, aber in der Vergangenheit waren Tagesausflügler aus Spanien alltäglich. Jetzt, nur einen Monat nach der Einführung der Mautgebühren, ist weit und breit kein spanisches Auto in Sicht.
Natasha Donn, Ausgabe 711 (12 Jan 2012), Ohne Kommentare »

Wir wagten uns an einem sonnigen Tag raus, an dem alles möglich schien, und mussten feststellen, dass insgesamt doch sehr wenig geschah – und die Erwartungen an einem neuen Tiefpunkt angelangt sind.

„Seit die Maut in Kraft getreten ist, gab es einen massiven Einbruch im Geschäft“, berichtet uns Manuela Barros an der ersten, beziehungsweise letzten, Tankstelle auf der A22.

„Man konnte es vom ersten Tag an beobachten. Der eindeutigste Einbruch im Geschäft ist durch die Spanier bedingt. Wir hatten hier sehr viel spanische Autos, ein beständiges Kommen und Gehen. Jetzt sieht man kaum eins. Ich glaube, ich habe das ganze Jahr noch keinen spanischen Wagen gesehen!”

Etwas weiter, in Sagres, ruft der Entenmuschel-Fischer Carlos Climaco Freunden ein „Neues Jahr“ zu – um nicht „Frohes Neues Jahr“ zu sagen, sondern die Tatsache zu beklagen, dass die Stadt „praktisch ausgestorben“ ist...

„Ich kann es nicht glauben! Man muss hier sein, um das zu verstehen! In der Vergangenheit waren am Neujahrstag überall spanische Autos geparkt – ebenso Wohnmobile, auch alle aus Spanien. Die Wohnmobile waren in der Regel Surfer, die Autos eher Tagesausflügler und Urlauber… Aber ich habe gerade eine Runde durch die ganze Stadt gedreht und konnte nur ein spanisches Kennzeichen entdecken! Es ist unglaublich, was die Mautgebühren in so kurzer Zeit angerichtet haben! Sie radieren unsere Geschäfte aus!”

Die Krise hat bereits den Preis von Meeresfrüchte-Delikatessen, wie der Entenmuschel (Percebes), stark geschwächt (zuvor konnte Climaco sie zu mindestens €17 pro Kilo verkaufen; jetzt ist der Preis auf €10 gesunken), und die Zukunftsaussichten der gebeutelten Fischer aus Sagres haben – nach dem Schlag durch Bürokratie und neue Steuern im letzten Jahr – einen erneuten Sturzflug erlitten.

Und auch in Lagos, wo das Ferienwetter über die gesamten Feiertage perfekt war, beklagen die Fischer das “schlimmste Weihnachten”, an das sie sich erinnern.

„Normalerweise haben wir viele spanische Gäste – selbst in dieser Jahreszeit“, erklärt Joaquim António dos Santos Patão. „Die Spanier und Holländer bilden unseren besten Gesamtmarkt. Aber seit der Mauteinführung haben wir hier überhaupt keine Spanier mehr gesehen!“

„Und was es umso schwer macht ist, dass die klimatischen Bedingungen bestens sind… Doch ich sitze hier, Tag für Tag, und warte, in der Hoffnung, dass Menschen auftauchen. Doch das passiert einfach nicht... Sobald es auf 15 Uhr zugeht und es anfängt, kalt zu werden, packe ich ein. Ich glaube nicht, dass ich mir nächste Woche überhaupt die Mühe machen werde, hier zu sitzen“.

„Es ist ja so, dass es nicht nur €11 kostet, über die Autobahn hierher zu gelangen“, fügt ein anderer Fischer hinzu. „Es hängt von der Art und Größe der Fahrzeuge ab… Wohnmobile, Wohnwagen, Jeeps müssen alle viel mehr als €11 bezahlen. Hinzu kommen die Kosten für den Kraftstoff in Portugal und die Tatsache, dass auf alles die Mehrwertsteuer erhöht wurde – warum sollten die Spanier überhaupt daran denken, Spanien zu verlassen? Sie haben dort alles billiger... und sie haben auch noch Sonnenschein!“

Ein Anruf bei Euroscut hat bestätigt, dass alles von der Einstufung des Fahrzeugs abhängt: Geländewagen zählen als Klasse 2 (€20,50 oder mehr), während ein Transporter mit Wohnwagen als Klasse 3 eingestuft wird und €26,25 zahlen muss – und das ist nur in eine Richtung. Mit anderen Worten kostet es insgesamt €52,50, wenn man auch wieder nach Spanien zurück will...

„Wir haben unser Personal an der Tankstelle auf eine Person zum Kassieren der Tankkosten sowie für den Warenverkauf zurückgeschraubt – obwohl, eigentlich kauft niemand mehr etwas, zumal die Mehrwertsteuer vor ein paar Tagen gestiegen ist“, erklärt Manuela Barros, die sagt, dass sie wahrscheinlich besser nicht mit uns sprechen sollte, da es hinsichtlich ihres Arbeitgebers ihr „Leben erschweren könnte“. Sie war ganz klar nicht bereit, für ein Foto zu posieren. „Das ist auf jeden Fall verboten!“

„Ich bezweifle sehr, dass das, was wir heute einnehmen, die Gehälter der beteiligten Mitarbeiter deckt“, fügte sie hinzu. „Die Nachtschicht hat beispielsweise letzte Nacht nur eine Tankfüllung verkauft. Nur eine! Und wir rechnen damit, dass wir das bessere Geschäfte machen, ob der Tatsache, dass wir uns auf der “kostenfreien” Verlängerung der Autobahn befinden (die ersten beiden Ausfahrten sind nicht mit den Kameras von Euroscut versehen – ebenso wie die beiden nahe der spanischen Grenze ausgenommen sind). „Hier kommen noch viele Leute vorbei, die gleich hinter Odiáxere die Autobahn bis Bensafrim nutzen.“

Auf der anderen Straßenseite, in der Schwesterntankstelle, bestätigt die Vorgesetzte Ana Paula (nicht bereit, ihren letzten Namen anzugeben) das Bild, und sagt, sie bezweifle stark, dass die Spanier in beträchtlicher Anzahl zurückkehren werden – auch nicht in der Ferienzeit.

„Wenn sie es tun, werden sie die gebührenfreien Straßen nutzen – wie lange es auch dauern mag. Die Menschen wurden durch die Maut vor den Kopf gestoßen – nicht nur, weil sie jetzt für etwas zahlen sollen, das zuvor kostenlos war, sondern auch, weil die Preise so hoch sind.“

Manuela Barros sagt, dass ein englischer Besucher die Dinge vor ein paar Tagen “sehr präzise“ zusammengefasst hat. Er sagte: „The Algarve, finish!“, mit einer zerteilenden Geste mit der Hand über seinen Hals…

Es ist nicht so, dass die Behörden vor den verheerenden Auswirkungen der Maut auf die lokalen Geschäfte nicht gewarnt wurden: die Politiker der Algarve haben sich alle von Beginn an gegen diese Idee ausgesprochen; Bürgergruppen haben bis zum letzten gekämpft; Städte in der Nähe der spanischen Grenze verteilen jetzt Flugblätter, die über die kostenfrei Nutzung der zwei Ausfahrten kurz hinter der Grenze aufklären – und in Lagos hat die Gemeindeversammlung während einer hitzigen Versammlung Ende Dezember en masse die Mautgebühren “abgelehnt”. Doch bisher hat keiner der Proteste etwas geändert. Lagos und die West-Algarve scheinen ganz hinten angestellt.

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