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Joana Celine Guerreiro
Die Wiedergeburt des Kalkes

Kalkputz und -tünche. Diese Technik ist noch nicht verloren gegangen, obwohl sie aus vielen verschiedenen Gründen vom Verschwinden bedroht ist, sagt Joana Celine Guerreiro, 32 Jahre alt.
Im Gegenteil zu dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, “sind es heute nicht mehr die Bewohner eines traditionellen Hauses, die sich um deren Erhalt kümmern. Und das Wissen ging bei den Generationenwechsel etwas verloren.
“Heutzutage ist es üblich, dass ein Maler die Farbe oder was immer er braucht in einem Fachgeschäft kauft”, sagt sie.
Danach, mit Rolle und Pinsel, wird eine Tradition ersetzt, die der Oberfläche seine Form und seinen vielfältigen Charakter verleiht und zudem eine Funktion erfüllt.
“Der Kalk ist wie unsere Haut.
Er weist den Regen ab, lässt die Mauern aber dennoch atmen. Außerdem besitzt er aseptische Eigenschaften”, erklärt sie.
Das Problem ist, dass “beim Gebrauch von Kalk die Wartezeit verlängert werden muss”, und sich die Technik weder in die moderne Wirtschaft, noch in den heutigen Lebensstil einreiht.
Ironischerweise ist das die falsche Entscheidung. Obwohl die Vorbereitungs- und Anwendungszeit größer ist als bei der industriellen Farbe, ist die Kalkfarbe dennoch billiger. Zum Beispiel tünchten Joana Guerreiro und eine Gruppe von sieben Freiwilligen mit 30 Euro eine ganze Reihe alter Häuser im Zentrum von Alte.
Die Architektin sagt, dass es “möglich ist”, dieses ökologische Material auch bei zeitgemäßen Bauten einzusetzen, “wie es die Menschheit seit jeher getan hat”.
“Der Kalk und die Erde sind Rohstoffe, die in der Natur in Fülle vorkommen und zudem nicht toxisch sind.
Der Kalkstein in Portugal ist von hervorragender Qualität und die industrielle Kalkproduktion ausreichend, um diese Technik wiederbeleben zu können”,
Joana Guerreiro erlernte die Eigenschaften des Kalkes von Íris Primersk - einer Fachfrau, die die Fresken in Kapellen restauriert - im Ausbildungszentrum «Terre et Lumiére» (www.chaux-grecque.com), in Bise, Südfrankreich.
Vor kurzem gründete sie das Projekt «domus mateR». “Es fing als ein Versuch an, meinen eigenen Arbeitsplatz zu schaffen, wobei dieses Ziel noch nicht erreicht ist. Es fungiert als Informationsblog, wie man mit guten Praktika alte Häuser renovieren kann”.
Ein weiterer Aspekt, der sie beunruhigt, ist das Verschwinden des “Kalkputzes” – eine traditionelle Technik, die in der Algarve früher oft angewandt wurde. Es ist ein Verputz, bestehend aus Kalk, Sand und natürlichen Pigmenten (zwecks der Farbgebung), der sowohl bei Außen- als auch Innenwänden zur Anwendung gelangt.
“Sie verschwindet vor unseren Augen und niemand scheint Interesse daran zu haben, diese Anwendungstechnik zu rehabilitieren. Ganz im Gegenteil, es gibt Fälle, in denen diese Technik bewusst missachtet und durch eine Schicht Zement ersetzt wird.
Gemäß Gesetz muss bei Renovierungsarbeiten kein Bauprojekt eingereicht werden. Aus diesem Grund gibt es auch keine Maßnahmen, die diesen destruktiven Techniken beim Schutz unseres Erbes Einhalt gebieten.
“Ich stelle fest, dass die Menschen zwar Geld in die Renovierungsarbeiten stecken, damit aber nichts wiedergewinnen.
Ich denke, den Bauunternehmern wird blind vertraut. Denn heute stehen viele wertvolle Informationen über Materialien wie zum Beispiel auch über den Kalk zur Verfügung”.
Ein anderes Problem ist, dass keine Fachschule für Renovierungen besteht und jeder Fachmann das tut, was er für richtig erachtet und was er erlernt hat. Es gibt keinen Ansatzpunkt, diese Dinge auf einen Nenner zu bringen und es besteht keine Initiative seitens der Architekten darüber zu debattieren. Diese Arbeit liegt noch vor uns”.
Was das Verlassen der traditionellen Häuser betrifft, denkt Joana Guerreiro, dass es sich damit um eine “Frage der Kultur” handelt.
“Es ergibt keinen Sinn, dass unbewohnte Gebäude in einen degradierten Zustand fallen und schließlich verschwinden. Aber genau das geschieht, da eine Renovierung, ein Wiederaufbau teurer ist als ein Neubau”.
Das Gesetz schreibt jedes achte Jahr Erhaltungsarbeiten vor. “Würde dies eingehalten, bestände ein nationales Interesse, ein anderer Plan oder existierten alternative Politiken, die jedermann näher liegen”, sähe es vielleicht ein wenig anders aus.
“Das neue Gesetz «Erhalt der städtischen Bausubstanz» lässt bereits kürzere Fristen der Erteilung der Baugenehmigung zu”. “Andererseits überträgt man den Stadtverwaltungen mehr Verantwortung, um historische Stadtteile zu schützen”, sagt sie.
Laut der Architektin “hielt im portugiesischen Bausystem der Zement in den 60er Jahren Einzug. Das “Paradigma der Moderne” wurde geboren. Und das Resultat?
“Die heutige portugiesische Stadt ist wie ein Krebs, weil sich die Bauten nicht in den Ort integrieren.
Die Gebäude könnten im Großraum Faro, Lissabon oder Chelas stehen. Sie nehmen keinerlei Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse”, kritisiert Joana Guerreiro, die ihre Ausbildung an der Uni in Lissabon im Jahre 2002 abgeschlossen hat.
“Uns fehlt Urbanität”, sofern “Urbanität als Zusammenspiel von Menschen verstanden wird”. Ihrer Meinung nach brauchen wir “Orte, an denen Zivilismus gelebt wird.
Dabei kann es sich um ein Volkshaus handeln, wo sich Menschen treffen. “Ich denke, es ist das, was fehlt, wir müssen spüren, dass die Stadt uns gehört”, bekräftigt sie.
Heutzutage besitzen wir ein Auto, eine Familie, ein Haus. Das alles ist persönlicher Natur, was aber ist mit dem gemeinsamen Besitz?”
Die Architektin denkt, dass ein “Bruch” notwendig ist, um Plätze von Qualität zu erhalten.
Bevor ein Projekt realisiert wird, gibt es praktisch keine öffentliche Diskussion. “Es ist alles sehr einseitig”.
“Ich denke, dass die Bevölkerung seine Meinung ausdrücken und menschlichere Flecken fordern muss. Wir müssen das Recht zurückfordern, in Städten zu leben, die wir mögen, was uns schließlich allen zugute kommt”, schließt sie.
Die Architektin hofft, auch in Zukunft Sensibilisierungs-Aktionen durchzuführen - so wie am 19. Juni, dem Tag des Kalkes «Dia da Cal», an dem Interessierte Wände tünchten, so wie es früher gemacht wurde…..








