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José Brandão Coelho
Die Wiederentdeckung Brasiliens

Wussten Sie, dass die Portugiesen Brasilien mit der Tiefkühlkostmarke «Family Frost» gerade wiedererobern? Der Erfolg ist so groß, dass die Mutterfirma in Deutschland die Initiative ihrer portugiesischen Firma übernehmen will.
Oder wussten Sie, dass Paraná, einer der 27 Bundesstaaten Brasiliens, dreieinhalb Mal so groß ist wie Portugal und in seiner Hauptstadt Curitiba und Umland etwa drei Millionen Menschen leben? Und dass es dort über 50 Einkaufszentren gibt, 20 davon großdimensioniert?
Wussten Sie, dass der Bundesstaat ein großes Potential zur Produktion von Biokraftstoff hat? Wussten Sie auch, dass die Hotelgruppen Vila Galé und Pestana heute mit Mega-Investitionen von Fortaleza bis Südamerika vertreten sind?
All das berichtet uns José Brandão Coelho. Der eingefleischte Unternehmer war Geschäftspartner bei einer der größten Möbelfabriken in Angola und Afrika.
Nach dem 25. April 1974 kam er nach Portugal, wo er mehrere wichtige unternehmerische Initiativen leitete. In den vergangenen zehn Jahren teilte er seine Zeit zwischen Portugal und Brasilien auf, um die Entwicklung der beiden Länder zu unterstützen.
Welches ist die größte Herausforderung für eine europäische Firma, die in Brasilien Fuß fassen will?
Der Markt ist sehr groß und die Logistik kompliziert, weil alles so weit auseinander liegt. Ich erinnere mich an eine Firma, die nach São Paulo ging und angefangen hat, in alle Richtungen zu verkaufen. Aber dann konnte sie nicht liefern.
Leider gibt es in Brasilien keine Eisenbahn. Fast alle Transporte müssen mit Lkws und Autos getätigt werden. Das hat die Wirtschaftsdynamik schwer beeinträchtigt. Andererseits ist das Steuersystem sehr gut organisiert und rigoros.
Meinen Sie, dass Portugal Unternehmensinitiativen im Ausland unterstützt?
Vor etwa zwei Jahren lud das Außenministerium die portugiesischen Wirtschaftsverbände in aller Welt zu einem Treffen in Lissabon ein. Es gab sogar ein Großprojekt der Regierung, um die Internationalisierung der portugiesischen Unternehmen zu unterstützen. Allerdings kam dann die Bankenkrise, und ich glaube nichts wurde in die Praxis umgesetzt….
Welche portugiesischen Unternehmer haben Ihre Organisation aufgesucht?
Wir hatten mehr Unternehmer aus dem Norden und der Mitte des Landes. Aktuell ist Brasilien am meisten an Industrieprodukten und Nahrungsmitteln interessiert.
Hat die Finanzkrise Brasilien sehr beeinflusst?
Nein, gar nicht. Das ging dort mehr oder weniger am Rande vorbei. Aber es wurden auch einige Maßnahmen ergriffen, um Auswirkungen vorzubeugen. Man bedenke, dass in einer Krise das Erste, was das Volk macht, ist, an allem zu sparen, auf das verzichtet werden kann.
Um die Wirtschaft anzukurbeln hat die Regierung Brasiliens einige Konsumgüter von einem Teil der Steuer befreit, wie zum Beispiel Elektrogeräte. Das hatte zur Folge, dass die Verkaufszahlen nicht eingebrochen sind. Ich glaube, die Steuersenkung war gar nicht so groß, um die 5 Prozent. Aber die psychologische Wirkung war dafür um so größer. Der Handel blieb in den letzten zwei Jahren sehr dynamisch.
In Europa gibt es oft die Vorstellung, dass Brasilien ein Dritte-Welt-Land voller Elendsviertel ist. Welchen Eindruck haben Sie?
Wer eine portugiesische und eine brasilianische Nachrichtensendung verfolgt, wird nicht viel Unterschied merken. Im Grunde hört man überall nur schreckliche Nachrichten - Morde, Überfälle, alles Schlechte eben. Es wird wenig über etwas Positives gesprochen. Und genau wie hier, konzentrieren sich die Neuigkeiten auf die Großstädte, wie Rio de Janeiro oder São Paulo. Der Rest wird vergessen.
Aber man muss sich einmal die Größe des Landes klar machen. Brasilien ist größer als ganz Europa und 102 Mal so groß wie Portugal. Wenn man alle Verbrechen in Europa zusammenzählt, sind es mit Sicherheit genauso viele oder mehr als die, die in Brasilien begangen werden. Und ja, es gibt dort auch Elendsviertel. Aber es gab schon mehr.
Brasilien gibt sich viel Mühe, die Armut zu bekämpfen. Die Regierung unterstützt Familien, die nicht genügend Geld haben, um Essen zu kaufen und bezuschusst den Schulbesuch von Kindern armer Familien. Das heißt, es sind dort eine ganze Reihe sozialer Maßnahmen im Gange.
Portugal dagegen kürzt die sozialen Zuschüsse…
Ja, das ist ein Problem.
Wie sieht die Gesellschaft Brasiliens heute aus?
Das heutige Brasilien hat große Industriebetriebe. Die Fahrzeugflotte ist aktuell. In der Stadt Curitiba, in der ich lebe, ist von sehr moderner Architektur geprägt.
Zudem empfängt Brasilien jeden mit offenen Armen. Viele Europäer sind während der zwei Weltkriege hier her geflohen und haben große Gemeinwesen geschaffen, in denen sie so leben, als wären sie in ihrem eigenen Land. Hier in Portugal ist jeder Einwanderer ein Fremder. Dort nicht. Die Integration dauert nicht lange.
Die Brasilianer haben aber einige Vorurteile gegenüber Portugiesen aufgebaut.
Stimmt. Aber das ist mehr eine Hass-Liebe. Sie erzählen sich gerne Portugiesen-Witze, aber ich glaube, es ist eine besondere Art der Zuneigung. Viele Brasilianer wissen, dass Portugal sich sehr entwickelt hat und heute ein modernes Land ist.
Bezüglich der Portugiesischen Sprache - stimmen Sie der Rechtschreibreform zu?
Ich denke, die Sprache muss sich anpassen und entwickeln - und sie wird in vielen verschiedenen Ländern gesprochen. Sie sollte sich so weit wie möglich angleichen.
Aber was auch immer für Gesetze erlassen werden, man sollte die Leute zu nichts zwingen. Veränderungen müssen in den kulturellen Gebrauch übergehen. Darüber hinaus hat Brasilien seinen eigenen Dialekt. Es gibt Worte, deren Versuch sie anzupassen absurd wäre.
Sie haben Lebenserfahrung in Angola, Portugal und Brasilien gesammelt. Was denken Sie, warum wir es nicht schaffen von den hinteren Rängen in Europa aufzusteigen?
Wenn Portugal bessere Politiker hätte, könnte es sich schon viel weiter entfaltet haben. Genau wie einige Staaten Brasiliens mit mangelnder Entwicklung. Das ist alles. Politiker verfolgen oft ihre eigenen privaten, undurchschaubaren Interessen, die keiner genau kennt. Diese Politiker setzen sich nicht zum Wohl des Landes ein.
Wo sehen Sie Portugal in 30 Jahren?
Ich denke Portugal wird es immer gut gehen. Portugal ist nicht von gestern. Es ist viele Jahrhunderte alt. Die kulturelle Basis ist sehr stark. Ich glaube, die Menschen lernen im Laufe der Zeit zu fordern, und es wird ein neuer Typ Anführer, mit mehr Patriotismus und mit neuen, insbesondere internationalen, Ideen aufkommen.








