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Ausgabe 729
2012-05-17 > 2012-05-23
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Friedensforschungszentrum Tamera

Wie kann die Wüstenbildung im Süden gestoppt werden?

Wasser, frisches Grün und knospende Bäume: Im südportugiesischen Frühling scheinen Dürre und Waldbrände des Sommers vergessen. In dieser Jahreszeit ist es deutlich: Portugal ist keine trockene Region. Tatsächlich entspricht die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge etwa der in Mitteleuropa. Doch wer genauer hinschaut, erkennt auch jetzt die Nöte des Landes: Braune Ströme fließen in die Kanalisation und schwämmen große Mengen fruchtbaren Mutterbodens in die Flüsse. Korkeichen und Pinien sterben im großen Umfang. Mit gestörter Vegetation verliert der Boden die Wasserhaltekraft. Wenn wir nicht gegensteuern, wird dieses Land zur Wüste. Wie man handeln kann, zeigt eine Initiative im Baixo Alentejo: Erfolgreich renaturiert das Friedensforschungszentrum Tamera sein Land durch den Aufbau einer großflächigen Permakultur-Wasserlandschaft. Beraten wird das Projekt dabei von dem international bekannten Agrarexperten Sepp Holzer, der am Samstag, den 5. Juni, vor Ort sein wird, um allen Interessierten zu erklären, wie Südportugal wieder fruchtbar wird!
Júlia Bragança, Ausgabe 629 ( 3 Jun 2010), Ohne Kommentare »
Rui Graça/Blog Profundidade no Campo

„Nein, eine Wasserlandschaft ist nicht dasselbe wie ein Stausee. Sie ist genau das Gegenteil. Das Wasser wird nicht aus den Flächen abgezogen und zentral gesammelt, sondern auf den Flächen gehalten, dezentral, damit der Erdkörper sich wieder sättigen kann.“

Sepp Holzer hat diese Frage schon sehr oft beantwortet. Der resolute Bergbauer aus Österreich hat sich durch das Beharren auf seinen ungewöhnlichen Methoden den Titel Agrar-Rebell erworben. Nach dem eigenen Bergbauernhof renaturierte er erfolgreich große Beispielflächen, u.a. in Schottland, Russland, Spanien, Südamerika und seit einigen Jahren auch in Portugal.

„Die Dürre in diesem Land ist keine Naturkatastrophe. Sie ist die Folge falscher Bewirtschaftung. Abholzung, Überweidung und Monokulturen sorgen für Versteppung und beginnende Wüstenbildung.“

„Auf der Fahrt durch den Alentejo möchte der Österreicher am liebsten die Augen verschließen: „Was ich hier sehe, tut weh. Die Landschaft ist ausgeräumt, der Boden und die Pflanzen sind schutzlos der Sonne und dem Wind ausgesetzt. Da fühlt sich kein Tier wohl, und auch als Bauer würde ich mir total verloren vorkommen. Durch die Überweidung ist der Boden ausgelaugt, es wachsen nur noch minderwertige Gräser. Die Bauern geben auf, die Kinder gehen in die Städte, und die schönsten Höfe verfallen. Das Land fällt an Spekulanten und wird schließlich ganz aufgegeben. Dabei könnte Portugal ein reiches Land sein, wenn die Menschen wieder lernen, im Buch der Natur zu lesen.“

Sepp Holzer kennt eine Alternative, er hat sie an vielen Orten geplant und gebaut. Im Kern seiner Arbeit steht dabei immer das Wasser. „Wasser ist Leben. Wasser ist Information, Wasser ist das Kapital.“

Und wenn der Regen nur in einer Jahreszeit fällt, dann muss der Bauer lernen, es auf dem Land zu halten. Nicht durch gigantische Staudammprojekte, sondern ganz im Gegenteil: dezentral, durch viele Wasserretentionsbecken, so wie die Natur es einem zeigt.

„Wer ein Gelände bearbeitet und den Winterregen ablaufen lässt, handelt wie derjenige, der immer fleißig Geld in einen Sparstrumpf steckt, aber nicht bemerkt, dass dieser unten offen ist.“

Dabei würde Portugal mit der vielfältigen Formung seiner Landschaft, seinem Wasserreichtum und seiner Wärme sich hervorragend für eine Bewirtschaftung im Einklang mit der Natur eignen. Wie das aussehen könnte, das zeigt das Ökologie-Team des Friedensforschungszentrums Tamera im Municipal von Odemira.

Schon der Anblick lässt den Besucher staunen: Eine Kette von Seen und Teichen schmiegt sich in eine hügelige Landschaft. Auf den Uferterrassen blühen junge Obstbäume. Gemüse, Salate und Mais wachsen in üppiger Mischkultur auf Hügelbeeten. Vor zweieinhalb Jahren gab es hier nur eine staubige Landstraße und übernutzte Weiden.

Silke Paulick, die Koordinatorin des Ökologieteams: „Als wir vor 15 Jahren das Land erwarben, waren die Folgen ökologischer Fehler unübersehbar: abgeholzte Hänge und sterbende Korkeichen, Monokulturen von Eukalyptus. Im Winter und Frühjahr versumpften die Äcker, im Sommer wares staubtrocken und brandgefährlich.“

Bei seinem ersten Besuch im März 2007 fiel die Analyse Sepp Holzers deutlich aus: „Das Land ist seit Generationen falsch bewirtschaftet worden. Kleine Schritte helfen hier nicht mehr, wir müssen große Schritte tun.“

Gemeinsam mit dem Ökologenteam des Friedensforschungszentrum entwarf er einen Plan: ein Modellprojekt für die Renaturierung der Landschaft, für großflächigen Anbau von gesunden Lebensmitteln und für natürliche Wiederaufforstung. Eine „essbare“ Landschaft mit Wasserrückhaltebecken, Teichen und Seen sollte entstehen, in der auch Wildtiere wieder Nahrung und Schutz finden und der Erdkörper nach und nach wieder Wasser aufnimmt.

Drei Jahre später versorgen die Uferterrassen und Hügelbeete die Mitarbeiter und Gäste des Friedensforschungszentrum mit gesunden Lebensmitteln. Tamera-Gärtnerin Silke Klüver: „Wir ernten an den Ufern jetzt mehr Obst und Gemüse als vorher im ganzen Garten.“

Die Bewässerung aus den nahen Wasserbecken ist denkbar einfach. Auf die Vegetationspause im Sommer kann verzichtet werden. Auf die zahlreichen Besucher wirken die Seen, als seien sie schon immer da gewesen.

„Wenn es natürlich aussieht, ist es richtig gemacht“, betont Sepp Holzer. „Eckige oder runde Teiche sind ein Fehler. Wasser ist ein Lebewesen. Es muss sich bewegen können, damit es lebendig und gesund bleibt.“

Die Ausformung der Seen, flache, bewachsene Ufer, verschiedene Tiefen und geschwungene Formen unterstützen die Eigenbewegung des Wassers und damit die Selbstreinigungskraft: Staub und Humus werden von Wind und Wellen in die Flachzonen gespült und dort von Wasserpflanzen als natürlicher Dünger absorbiert.

Die wichtigste Funktion der Wasserretentionsflächen ist die Sättigung des Erdkörpers mit Wasser. Darüber hinaus dienen sie nicht nur als Gießwasserspeicher, sondern sind eine ertragreiche Wirtschaftsfläche: Enten und verschiedene Fische leben darin, und die Seerosen und andere Uferpflanzen sind wertvolle Verkaufspflanzen.

„Wer mit der Natur arbeitet und nicht gegen sie, wird immer ein Produkt finden, das er gewinnbringend vermarkten kann – seien es landwirtschaftliche Produkte oder auch der Erholungswert einer renaturierten Landschaft,“ sagt Sepp Holzer.

Der wichtigste Sinn der Wasserlandschaft ist aber die Renaturierung: Mit ihrem vielfältigen Kleinklima bietet sie auch für wilde Tiere und Pflanzen einen neuen Lebensraum, die ursprüngliche Flora und Fauna kehrt zurück. Nach fast drei Jahren ist der Boden so weit mit Wasser gesättigt, dass sein Team mit dem Waldaufbau beginnen kann – natürlich in Mischkultur.

Nachbarn, Bauern, Wasseringenieure und Naturschützer aus ganz Portugal und anderen Ländern verfolgen die Entwicklung aufmerksam. Denn wenn sie weiterhin so positive Effekte zeigt, könnte sie ein Modell für ganz Südportugal werden.

„Man stelle sich vor, im Alentejo beschließen 1000 Landbesitzer, solche Wasserlandschaften zu bauen. Nicht nur die Natur würde sich erholen, sondern auch viele Menschen könnten dadurch eine ökonomische Lebensgrundlage finden. Wir haben hier ein Rezept gegen die Wüstenbildung gefunden,“ sagt Bernd Müller, leitender Mitarbeiter des Permakultur-Projektes.

Tamera ist ein internationales Friedensforschungszentrum und eine Ausbildungsstätte mit rund 160 Mitarbeitern und Studenten. Viermal im Jahr gibt es einen «Dia Aberto», einen Informationstag, an dem Sepp Holzer und das Team der Ökologen Besucher durch die Wasserlandschaft führen.

In diesem Jahr finden sie noch an folgenden Samstagen statt: 5. Juni, 4. September und wahrscheinlich 27. November.

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