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Lisa Selvidge
Jenseits des Meeres

Algarve 123: Was hat Sie dazu veranlasst, das Verschwinden von Madeleine McCann als Leitfaden des Buches zu benutzen?
Lisa Selvidge: “Nun, ich war erstaunt, welche Wirkung ihre Geschichte auf der ganzen Welt auslöste. Jeden Tag verschwinden Kinder, aber dieser Fall hat einen speziell großen Mediarummel verursacht. Ich war fasziniert – aber wie sie sehen, habe ich Madeleine in meinem Buch nicht direkt erwähnt. Das Geschehen ist einfach nur da, im Hintergrund. Ich konzentriere mich mehr auf die Tatsache, wie verschiedene Personen auf Nachrichten reagieren und welche Auswirkungen der Fall auf das Leben der Leute hier in der Algarve hat.”
Das ist das zweite Buch, das Sie innerhalb von wenigen Monaten herausbringen. Sie führen Workshops im kreativen Schreiben durch, bieten online Kurse in Prosa an, besitzen Ihren eigenen Verlag, redigieren die Werke anderer .... wann finden Sie Zeit dafür?“Beide Bücher entwickelten sich über einen relativ langen Zeitraum. «The Last Dance over the Berlin Wall» (2009)/ Der letzte Tanz über der Mauer in Berlin», zum Beispiel, kostete mich sieben Jahre, bis es fertig gestellt war. Ich neige dazu, mehrere Projekte gleichzeitig auszuarbeiten. «Beyond the Sea» entstand in rund zwei Jahren. Es erreicht nicht dieselbe Tiefe wie «The Last Dance over the Berlin Wall», aber ich hoffe, es öffnet Zugänge zu verschiedenen Lebensarten, die wir über die Algarve verteilt finden. Es wird am 28. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt, und ich hoffe, es ist bis dahin ins Portugiesische und Deutsche übersetzt. Zeit zu finden, bedeutet ein ständiger Kampf. Aber ich denke, man findet für Dinge, die man aus Leidenschaft tut, immer eine Lücke.”
Erzählen Sie uns ein bisschen, wie es ist, Schriftstellerin zu sein.
“Es ist nicht wirklich eine Wahl! Würde ich nicht schreiben, wäre ich höchst depressiv – aber es ist ein sehr einsamer Prozess. Es gibt nur dich und deine Charaktere. Man könnte auch sagen, es ist die einzige akzeptierte Form von Schizophrenie! Im Ernst – niemand schreibt fürs große Geld. Heutzutage ist es sehr hart, mit Büchern gut zu verdienen. 75 Prozent englischer Schriftsteller verdienen weniger als 5000 Pfund pro Jahr. Aber es besteht ja immer die Möglichkeit, den Jackpot zu knacken....”
Aber beide Ihrer neuesten Bücher würden sich perfekt für ein Drehbuch eignen... “Vielen Dank. Während ich schreibe, sehe ich meine Erzählungen in Bildern. Aber ich denke, alle Schriftsteller tun das. Welches Buch auserlesen wird, ist wohl eher eine Frage des Glücks.”
Was kennzeichnet ein Schriftsteller?“Anscheinend werde ich mit den Worten “eine unglückliche Kindheit” zitiert. Das trifft natürlich nicht immer zu. Doch viele Schriftsteller sprechen dies an. Vielleicht zwingt es die Leute, sich mitzuteilen oder in eine imaginäre Welt zu entfliehen. Der Trick ist, niemals aufzugeben.”
Lisas Erfahrung im Unterrichten geht auf die Jahre zurück, als sie an der Schule für Kunst und Design in Norwich, England, lehrte und auf ihre Tätigkeit als akademische Direktorin für kreatives Schreiben an der Universität von Ostanglien. Auch heute noch erteilt sie online Kurse für kreatives Schreiben an Universitäten in Großbritannien.
“Ich führe auch zwei Mal im Monat Workshops hier in Monchique durch. Jedermann ist willkommen. Es gibt zwei interessante Gruppen: eine für Unterhaltungsliteratur und eine für Memoiren/ Biografien – mit einigen ausgezeichneten Ergebnissen. Einige Leute kommen einfach vorbei, weil sie einen Nachmittag lang kreativ sein möchten, andere, weil sie ein ganz spezifisches Projekt im Kopf haben.”
“Die Kurse werden in Englisch abgehalten. Aber ich wünsche mir, eines Tages Workshops im kreativen Schreiben in Portugiesisch durchzuführen – jedoch ist mein schriftliches Portugiesisch noch nicht gut genug.”
“Kreativität ist unerlässlich für ein Land”, fügt sie hinzu. “Ohne Vorstellungskraft gibt es keine Entwicklung”.
Das führt uns zu ihrem Wahlwohnort - in den Wolken, “jenseits des Meeres”, zwischen Pinien und Eukalyptusbäumen, westlich von Monchique.
(Ein Lächeln) “Ich weiß, dass dieser Ort nicht das Zentrum der Geschehnisse ist, aber hier oben wohnen viele kreative Leute – und es gibt Platz! So viel Platz! Und ich liebe die beinahe anarchistische Haltung der Leute hier. Über die Küste denke ich ganz anders. Dort sind die meisten Orte (nicht alle) Touristendestinationen. Leute kommen und gehen – Sinn für das Dauerhafte, den man in Monchique findet, kommt nicht auf.
Während sie an ihrem nächsten Buch, wieder einem Roman, arbeitet – “über Sucht und Religion und wie Leute die Notwendigkeit verspüren, eine Reihe an Regeln zum Leben zu finden” – gibt Lisa dem Buch «Beyond the Sea» den letzten Schliff, bevor es der Öffentlichkeit vorgestellt wird.
“Wir haben uns entschlossen, etwas ein bisschen anders zu machen. Es wird ein kleines Fest geben – für jeden zugänglich – am 10. Juni (Der Tag Portugals und Camões), um 18:30 Uhr, in der Galerie Porca Preta. Es gibt Livemusik, Snacks, Wein – und einige Lesungen aus dem Buch. Ich hoffe es kommen so viele Leute wie nur möglich.”
Später, am 24. Juni, wird sie in der Buchhandlung Griffin in Almancil Bücher signieren.
Wir verließen Lisa, als das plötzliche und unerwartete Donnerwetter, noch in den Wäldern hallend, vorbei war, während die Vögel ihre Federn ausschüttelten, um den Frühling zu begrüßen. Es gibt viel über die Ruhe dieser Berge jenseits des Meeres zu erzählen, und es ist einfach nachzuvollziehen, warum Leute jenseits des Horizontes von ihnen magisch angezogen werden.








