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Heilpflanzen

Sie wachsen zwischen Tälern und Hügeln, am Rande von Bächen und Feldern. Sie haben unterschiedliche Eigenschaften, und es ist viel Erfahrung nötig, um sie durch Geruch und Tastsinn zu bestimmen. Außerdem muss man wissen, wie man den besten Nutzen aus ihnen ziehen kann. Bis vor kurzem waren Tees, Aufgüsse und Umschläge die wichtigsten natürlichen Heilmittel für körperliche Beschwerden. Ohne Gegenanzeigen oder Nebenwirkungen nahmen sie einen wichtigen Platz im täglichen Leben der ländlichen Bevölkerung ein. Und warum kommen sie jetzt wieder in unserem modernen Leben zum Einsatz? Dies ist eines der verschiedenen Themen der neuen Ausstellung «Pflanzen, die heilen. Verwendung und Wissen in der Volksmedizin». Sie wurde am 16. April im Forschungs- und Informationszentrum Cacela (CIIPC), in der ehemaligen Grundschule von Santa Rita, eröffnet und bleibt bis Oktober bestehen.
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 623 (22 Apr 2010), Ohne Kommentare »
Bruno Filipe Pires

Der Meister

Keine Ausstellung über Heilpflanzen wird ohne die Unterstützung derer, die sie wie ihre Westentasche kennen, autorisiert. So kommt es, dass der Meister José António Salgueiro in Santa Rita erscheint.

Er zählt 91 Lenze und strahlt jugendliche Klarheit aus. Er spricht wortgewandt in deutlichen Sätzen. “Rosmarintee verlängert das Leben der Menschen. Er ist gut für die Leber, stärkt den Darm und senkt den Cholesterinspiegel. Er ist auch denjenigen zu empfehlen, die an Gedächtnisschwäche leiden. Silber-Mauermiere (Paronychia argentea) im Tee ist gut für Blase und Nieren. Rübe, Karotte und Zwiebel sind heilig für die Atemwege”, sagt er, der Heilkräfte in allem um sich herum findet.

Der Kräuterspezialist aus Montemor-o-Novo widmet sein Leben den Heilpflanzen in Portugal. Es ist der lebende Beweis für das alte empirische Wissen, das vom Aussterben bedroht ist. Er hat keinen Lehrling, weil “die jungen Menschen nicht daran interessiert sind”, bedauert er.

Die Leidenschaft dieses Mannes wurde im armen und ländlichen Portugal entfacht. Salgueiro wurde 1919 geboren, und seit seiner Kindheit lief er auf den Feldern herum, wo er seine Eltern bei der Landarbeit begleitet hat. Er beobachtete seine Mutter, die Kräuter sammelte und sie für verschiedene Zwecke einsetzte. So begannen seine Kenntnisse über die Schätze der Natur.

“Damals waren kaum Ärzte nötig. Es gab so viele Dinge aus der Natur, wie Tees, Umschläge und anderes, was heute in Vergessenheit geraten ist”, erzählt er.

Von Beruf Schuhmacher, lief er auf die Märkte und Messen im Alentejo, auf der Suche nach Pflanzen, die er noch nicht kannte. Aber erst 50 Jahre später konnte er sich voll und ganz den Heilpflanzen widmen.

Seitdem hat er sorgfältig die Standorte, Arten des Sammelns und der Konservierung der verschiedensten Heilpflanzen erfasst.

Er hat bereits ein Buch veröffentlicht, ein weiteres erscheint demnächst. Ihn besuchen Menschen aus dem ganzen Land und trotz dass er langsam schwerhörig wird, macht er Termine am Telefon und verschickt seine Medizin per Post an diejenigen, die sie brauchen.

“Das Volk entsinnt sich der Vergangenheit, weil heute praktisch alles, was wir essen, kontaminiert ist”, meint Salgueiro. Und weil auch die Feinheiten des modernen Lebens die Gesundheit gefährden.

“Früher haben die Menschen schwer körperlich gearbeitet, sie haben viel geschwitzt und so Verunreinigungen aus dem Körper gespült. Heute fließt weniger Schweiß, und die Giftstoffe verbleiben im Körper”, erklärt er.

Salgueiro ist kein Fanatiker und argumentiert, dass natürliche Mittel in Verbindung mit herkömmlichen Medikamenten verwendet werden können und sollten. Und er glaubt, dass es auch in Zukunft, “für Pflanzen weiterhin eine Reihe Anwendungen gibt, die wir nie in ihrer Gesamtheit erfassen werden.”

Die letzten Gesundbeter

Doch in ihrer einfachsten Form konnte die Volksmedizin nicht immer alle Probleme lösen. Wenn das Problem kompliziert war, suchte die Bevölkerung vom Land und der Küste bestimmte Menschen mit mehr Wissen auf – “Bone-Setter” (Vorläufer der Osteopathen), Heilpraktiker und Wunderheiler.

Letztere heilen, indem sie Gebete und Verse mit religiösem Hintergrund rezitieren. Eine alte Weisheit, die immer noch im ländlichen Hinterland von Tavira existiert.

Daher sind einige Tafeln der Ausstellung Maria Tolentina Pereira, 76 Jahre, gewidmet, der Heilerin von Santo Estêvão.

In den vergangenen 21 Jahren, “habe ich hunderte Menschen gesegnet”, erzählt sie uns. Tolentina ist in der Bevölkerung sehr bekannt, da sie jederzeit bereit ist zu helfen.

Sie hat von den Frauen ihrer Familie gelernt, von Mutter und Großmutter. “Als ich sechs Jahre alt war, haben sie mir schon Verschiedenes über Segnungen beigebracht. Ich war klein, aber sehr interessiert. Ich wollte zusehen, wie das alles funktioniert und bastelte dann Stoffpuppen zum Üben”, erinnert sie sich.

Sie kennt Gebete für alle Übel, manche sind sogar metaphysisch (wie der böse Blick). Einige Gebete werden von Pflanzen, Gesten und Alltagsgegenständen begleitet – wie Scheren, Kämme, Nadeln und Nähgarn, die genau über der Region des Körpers platziert werden, die weh tut.

Aberglaube? Gibt es noch Menschen, die an diese Dinge glauben?

Viele derjenigen, die täglich an ihre Tür klopfen, bringen ihre Kinder auf dem Arm mit. Manche kommen, weil die traditionelle Medizin gescheitert ist.

Die häufigste Beschwerde ist “Afito” – eine Darmentzündung, die Schwellungen und Schmerzen im Bauch mit sich bringt.

Der komplizierteste Fall, der ihr je unter kam, war der eines neunjährigen Jungen aus Portimão. Eine Nachbarin von Tolentina kannte die Eltern des kranken Kindes, die sie so verzweifelt sah und schlug vor, die Heilerin aufzusuchen.

“Die Eltern waren zuvor bei den verschiedensten Medizinern. Einer in Coimbra, bei dem sie vorstellig wurden, sagte den Eltern, dass der Junge sterben würde. Daraufhin blieb er bei mir zu Hause, und ab dem dritten Tag ging es ihm besser”, erinnert sie sich.

In diesen Fällen wird der Segen an neun aufeinanderfolgenden Tagen erteilt, mit Hilfe einer Schweinefettmischung, Pflanzenblättern, Feigenbrand und viel Glauben.

Tolentina nimmt dafür kein Geld und verweigert Spenden, wenn sie weiß, dass “die Menschen arm sind”. Aber sie findet es schlimm, dass immer mehr Menschen von “Neid” getrieben zu ihr kommen, mit der Absicht anderen “Böses” anzutun.

Wir fragen sie, ob sie spürt, dass sie eine besondere Gabe hat? “Das tue ich. Wenn ich meine Hände auflege, spüre ich Gottes Kraft”.

Die Ausstellung

Die Ausstellung ist der Höhepunkt eines pädagogischen Projekts, das zwischen 2008 und 2010 lief. Daran beteiligten sich mehr als 20 Schulklassen der Gemeinde Vila Real de Santo António.

“Der Grundgedanke war, dass Kinder mit der älteren Bevölkerung in Kontakt kommen und die althergebrachten Gebräuche mit der Flora der Algarve erforschen”, erklärt der Leiter des CIIPC.

“Dieses Wissen ist ein wichtiger Aspekt unseres kulturellen Erbes, das wir bewahren müssen. Leider wird das immer schwieriger, da es davon abhängt, wie es von Generation zu Generation weiter gegeben wird und uns klar ist, dass dieses Wissen jetzt schon Verfälschungen erlitten hat”.

Zweifelsfrei “hatten Pflanzen zu einer Zeit, als es schwieriger war medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen und man sich viel mehr selber helfen musste, eine größere Bedeutung. Wir wissen auch, dass der Verlust dieser Kultur “nicht unbedingt von Vorteil ist”, fügt er hinzu.

Die Ausstellung richtet sich sowohl an ein allgemeines Publikum als auch an Schulen und bietet diverse Bereiche. Es gibt einen Nachbau eines alten Kräuterladens, in dem die Besucher mit den unterschiedlichen Pflanzen in Kontakt kommen und Informationen beziehen können, wie sie damals eingesetzt wurden.

Ein anderer Bereich “stellt eine häusliche Umgebung dar, in der gewöhnlich Mutter und Großmutter die Heilmittel für leichtere Krankheiten zubereitet haben”.

Das nächste Projekt gibt es zum Thema “Was haben unsere Großeltern gegessen. Die Ernährung der Menschen der Ostalgarve”.

Das CIIPC ist bis Oktober 2010 an allen Wochentagen von 9 Uhr bis 17 Uhr geöffnet.

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