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Caritas Algarve

Die Armut lebt mitten unter uns

Vor gar nicht all zu langer Zeit war sie in den Ghettos zu Hause. Heute klopft sie auch an die Türen derjenigen, die nie zuvor in ihrem Leben mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatten. Die Armut breitet sich immer weiter aus, auch wenn versucht wird diese aus Scham versteckt zu halten. Immer häufiger wenden sich Menschen an die Pfarreien der Algarve. Die Krise, die Verschuldung, die unsichere und schlecht bezahlte Arbeit sind einige der neuen Paradigma, die die Gesellschaft verändern. Was kann dagegen getan werden? Dieses Dilemma war Thema des “9. Treffen der Caritas Diözese der Algarve” am vergangenen Samstag, 20. März, im Centro Pastoral in Ferragudo. Das Motto der Debatte lautete: «Neue Wege zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung».
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 619 (25 Mär 2010), Ohne Kommentare »

“Es ist nicht die Art Armut, die man kennt. Heute sind es Menschen anderer Schichten, die weinend zu uns kommen. Sie wollen kein Geld. Sie wollen etwas zu essen. Es sind Menschen, deren Arbeitslosenhilfe komplett in die Bezahlung ihrer Wohnungen fließt. Diese Menschen fühlen sich erniedrigt, und wir versuchen ihnen zu helfen. Wir wissen auch, dass andere nur eine Mahlzeit am Tag einnehmen. Dann schlucken sie zwei Tabletten und legen sich schlafen, damit sie keinen Hunger mehr verspüren”.

Zu Beginn des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung zeigt sich das Portrait der heutigen Algarve so – ganz roh. Es waren nicht viel mehr Worte von Pater Firmino Ferro, Vikar der Diözese, nötig, um die ganze Aufmerksamkeit der etwa 60 Anwesenden auf sich zu ziehen.

“Wir hatten 20 Prozent mehr Hilfegesuche”, erzählt Carlos Oliveira, Vorstand der Caritas Diözese der Algarve, unserer Zeitung. “Nur damit Sie eine Idee bezüglich des Budgets haben: Von September bis heute wurden schon 50 tausend Euro aufgewandt”.

Was ist Armut?

Was bedeutet Armut im Jahr 2010? Diese Frage beantwortet Manuela Silva von der Nationalen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden.

Legt man die Daten von 2007 zugrunde, “die nicht mehr die heutigen veränderten Lebensumstände repräsentieren”, schätzt man, dass “18 Prozent der Portugiesen mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen unter 400 Euro leben”.

Für die Wirtschaftswissenschaftlerin und Universitätsprofessorin misst sich die Armut aber nicht nur in Zahlen, in Geld oder dem Mangel desselben. Diese Realität ist viel komplizierter und hat viele Gesichter.

“Wir alle kennen Personen, die Güter oder Vermögenswerte besitzen, aber nicht in der Lage sind, dadurch ihre Lebensbedingungen zu verbessern”, erklärt sie. Der Kampf, dem die Familien heute gegenüberstehen, um mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen autonom zu sein, kann ebenfalls leicht in die Armut führen - “nicht nur finanziell, auch materiell und unmittelbar”. Und somit haben sie “weder einen Platz noch eine Stimme in der Gesellschaft”.

Es gibt Phänomene, die “für unsere Zeit charakteristisch sind”. “Der Verlust der Solidarität innerhalb der Familien und/ oder der Nachbarschaft” verurteilt immer mehr Menschen zu einem Leben in Isolation und Verwundbarkeit.

Für Manuela Silva ist es notwendig, diese unterschiedlichen Realitäten genau zu kennen, um eine effektivere Sozialpolitik zu schaffen. “Das funktioniert aber nicht in einem gut geheizten Büro. Das geht nur vor Ort”, argumentiert sie.

Demokratie versus Armut

Die Ökonomin bedenkt auch, dass die Demokratie in Gefahr ist, wenn wir nicht den Weg einer gerechteren Gesellschaft einschlagen – “weil sich gesellschaftliche Spannungen häufen”.

Im Juli 2007 hat Portugal jedoch einen wichtigen Schritt getan. Auf einer Plenartagung im Parlament in Lissabon wurde eine Resolution verabschiedet, die besagt, dass “Armut eine Verletzung der Menschenrechte ist”. Einstimmig angenommen, kam es in diesem Zusammenhang zu einer öffentlichen Petition, bei der 23.000 Unterschriften gesammelt wurden.

Jetzt gibt es ein neues europaweites Projekt, um auf die Staatsoberhäupter Druck auszuüben. Es nennt sich «Schluss mit der Armut - Jetzt!» und ist eine Kampagne, die in 44 Ländern läuft.

“Damit soll bezweckt werden, einen Mechanismus in Gang zu setzen, der laut Lissabons neuem Staatsvertrag eine partizipative Demokratie erlaubt, in der die Menschen ein Mitspracherecht haben”, erklärt João Pereira, der auf internationaler Ebene für die Caritas Portugal tätig ist.

“Eine Millionen Unterschriften werden die Europäische Kommission dazu zwingen, sich den vier Hauptproblemen zu stellen: Beseitigung von Kinderarmut, Gewährleistung eines Minimums an sozialem Schutz für alle, allgemeiner Zugang zu sozialen Dienstleistungen und zu menschenwürdiger Arbeit.” In Portugal ist das Ziel 30.000 Unterschriften zu sammeln.

Es wird geschätzt, dass in Europa 78 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze und 100 Millionen von einem Einkommen von bis zu 22 Euro pro Tag leben.

Zeichen der Hoffnung

Was den Beitrag der Caritas Portugal betrifft, sagt Rita Valadas, dass die letzten zwei Jahre “besonders sensibel” waren. Es war die Geburt einer neuen Risikogruppe – Arbeitslose.

“Menschen, die zuvor niemals selbst mit Armut konfrontiert waren, befinden sich plötzlich in großen Schwierigkeiten und ohne Mittel, dieses Problem zu lösen. Im Grunde leben sie in Armut, auch wenn sie noch nicht verarmt sind”, erklärt sie.

Um diesen Menschen zu helfen, wurde das Programm «País Solidário» entwickelt.

Es begann im Mai 2009 und endete Ende letzten Jahres. “Etwa 30 Prozent dieser Menschen konnten einen Schritt nach vorne machen”, zum Beispiel über die Schaffung eigener Arbeitsplätze.

“Nachdem eine Zeit der Entbehrung durchlebt wurde, die sich keiner vorstellen konnte, sind sie jetzt unsere Wohltäter und freiwilligen Helfer, die in dem Caritas-Netzwerk eine ganz besondere Stellung einnehmen”, das aus 20 Zentren besteht, die im ganzen Land verteilt sind.

Momentan ist die Organisation besonders ob der Kinderarmut und der hohen Rate der Schulabbrecher besorgt.

Soziale Sicherheit und Vorurteile

Einer der meist erwarteten Sprecher des Tages war der Vorstand der Sozialversicherungsbehörde. Edmundo Martinho sagte, dass trotz der Aufwendungen der EU in diesem Jahr gegen die Armut zu kämpfen, die Regierungen zu “schüchtern” seien, um in Aktion zu treten.

Als Beispiel gab er den kürzlich genehmigten PEC-Plan für Stabilität und Wachstum der sozialistischen Regierung an, der zu “Verwirrungen in der Art und Weise der sozialen Unterstützung” geführt hat und nicht “klar” wurde, wie der Vorschlag aussah.

Andererseits glaubt er, dass die “soziale Unterstützung als Recht für alle verstanden werden sollte”. “Manchmal denken wir nur an die bürokratischen Hindernisse, den vielen Papierkram. Wenn wir all die Hindernisse, die sich aus unseren Grenzen als Bürger ergeben, vergessen, haben wir universelle Rechte, die für jedermann zugänglich sind”, klagt er.

Obwohl ein Großteil der Zuhörer in soziale Dienste involviert ist, hört man viel Kritik über die Unterstützung durch die RSI (Rendimento Social de Inserção) – für viele ein Synonym für Faulheit. Diesen Stereotyp lehnte Martinho jedoch sofort ab.

Er berichtete von dem Fall eines Kindes an der Algarve, das eine kostspielige Operation im Ausland benötigte und deren Eltern gezwungen waren, die Mittel dafür durch eine solidarische Aktion zu erlangen.

“Sobald die Ärzte sagen und begründen, dass die speziellen, erforderlichen Bedingungen im Land nicht erfüllt werden, kann ein Eingriff über die Sozialversicherung finanziert werden”, garantiert er.

Das Problem ist, dass diese “Rechte” durch den Etat des Staates “permanent limitiert” sind. Laut Martinho besteht die Lösung darin, “von den Politikern zu fordern, die Erfüllung der Bedingungen zu garantieren”…

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