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Ausgabe 714
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Algarve

Das Leben der Trödler

Was für den einen keinen Wert mehr hat, ist für andere ein kleiner Schatz. Den Beweis liefern die vielen belebten Trödelmärkte in der Region, die eine günstige Alternative zum allgemeinen Konsumangebot darstellen. Normalerweise sind sie sonntagmorgens und ziehen eine bunte Mischung an Sammlern, Neugierigen, Suchenden oder Schnäppchenjägern an. Zwischen all dem Schnickschnack gibt es für jeden etwas. Es wird gefeilscht und getauscht. Aber nicht alles ist wundervoll, und die Meinungen der Besucher gehen weit auseinander. Lernen Sie mit uns diejenigen kennen, die ausgedienten Dingen neues Leben schenken. Denn letzten Endes beleben ja nicht nur Supermärkte die Algarve…
Bruno Filipe Pires & Natasha Donn, Ausgabe 616 ( 4 Mär 2010), Ohne Kommentare »
Carlos «Karl Own» Paiva

Veteranen des Trödels

Viel Suppe wurde schon in die alte bemalte Porzellanterrine gefüllt, die Maria Judite Mestre, 61 Jahre, in ihren Händen hält. Sie zeigt uns, dass sie sich auf den Verkauf von Geschirr und Büchern spezialisiert hat. Der Deckel ist nicht der ursprüngliche, aber diese Kleinigkeit fällt kaum auf.

“In Zeiten wie diesen suchen die Menschen nur nach Schnäppchen. Früher, als es mit den Flohmärkten los ging, haben sie nach Antiquitäten, nach wirklich alten Dingen gesucht”. Objekte der Begierde waren zum Beispiel “altes portugiesisches Geschirr, Waschtische, Metallbetten. Heute kaufen die Menschen das, was sie brauchen, und das so billig und heiter wie möglich”, sagt sie.

“Wissen Sie, wen man heute viel auf den Märkten trifft? Menschen aus dem Osten, die mit nichts hergekommen sind. Sie kaufen hier ihre Decken und Töpfe. Erst danach kommen die Sammler”, weiß sie zu berichten.

Maria Judite weiß wovon sie spricht, da sie 12 Jahre Erfahrung von den Trödelmärkten der Ostalgarve mitbringt – Almancil, Fuzeta, Quelfes und São Brás de Alportel. Das macht sie zusammen mit ihrem Mann Teodoro de Jesus Guimarães, 66 Jahre. Sie betrachten sich als Trödler, Person gen, die sich dem Handel mit gebrauchten Gegenständen widmen.

Das war aber nicht immer so. Teodoro ist Schlosser. Einer der wenigen, die noch das Geheimnis kennen, wie man ein Eisen schmiedet. Eine harte Arbeit, die er von seinem Vater gelernt hat. Und dabei war er auf die Hilfe seiner Frau angewiesen, um das heiße Metall zu biegen.

Sie begannen als Käufer auf die Märkte zu gehen. Aber mit immer weniger Aufträgen und dem Einbruch des Daches ihrer Werkstatt in der Altstadt von Faro wurden Antiquitäten mehr und mehr Teil ihres Alltags.

Im Prinzip “waren es die Ausländer, die die Märkte organisiert haben. Danach übernahmen sie erst die Gemeinden und Bezirksverwaltungen”, erzählt sie. Heute müssen die Plätze im Voraus reserviert und bezahlt werden. Die Preise sind unterschiedlich. Ein Jahr in Quelfes kostet 82 Euro. In São Brás de Alportel kostet es 32,50 Euro. Auf jedem Markt erhält man eine Karte von der jeweiligen Gemeinde, für den Fall, dass die Behörden erscheinen.

Am Sonntag beginnt der Markttag für Maria Judite und Teodoro um 5 Uhr morgens. In aller Frühe beladen sie ihren Transporter mit den Waren, die in Pappkartons verstaut sind. Wenn sie auf dem Markt ankommen, ist die Sonne kaum aufgegangen. Sie breiten auf dem Boden ihre Plane aus und besorgen sich einen Tisch. Kleine Teile kommen nach vorne, größere nach hinten. “Hier wird viel gefeilscht. Gestern habe ich einen Tisch für 20 Euro verkauft. Allein die Steinplatte war das Doppelte wert! Vielleicht wird das eines Tages besser”, hoffen sie.

Interessanterweise bekommt das Paar einen großen Teil von dem Trödel, den sie verkaufen, geschenkt. “Es gibt Ausländer, die uns die Sachen geben, wenn sie wegziehen oder ihr Haus neu gestalten – Bilder, Kronleuchter, Uhren. Aber es sind auch Menschen, deren Familienangehörige gestorben sind, die uns anrufen, damit wir alles was wir möchten abholen”.

Die Leute, die als Verkäufer erscheinen, “kommen von überall. Allen fehlt Geld, alle bringen irgendwas zum Verkauf. Heute ist es eher schwer genügend Käufer zu finden”. Aber auch wenn das Geschäft momentan nicht so gut läuft, ist der soziale Aspekt Motiv genug weiter zu machen. “Ob man was verkauft oder nicht, man hatte einen schönen Morgen!” sagt Maria Judite.

Am nächsten Sonntag, 7. März, wird das Paar wieder in Fuzeta sein. Danach, am 14., in Almancil.

Treffpunkt der Kulturen

Etwas informeller und abwechslungsreicher als der Markt in Portimão ist der in Barão de São João, bei Lagos. Es ist viel mehr ein Happening, mit Gauklern, Musikern und vielen bunten Leuten. Einige Autos kommen hier schon am Vortag an und fahren erst am Montag wieder ab. Offiziell ist der Markt aber jeden 4. Sonntag im Monat auf dem Feld in der Nähe des Sportplatzes, etwas außerhalb des Dorfes.

Das Ehepaar Nélia und Rui Pedro, aus Lagos, sind beide arbeitslos. Seit Ende Februar haben sie eine Genehmigung, um Märkte zu machen.

Sie sind gerade von einer Reise nach Spanien zurück gekommen, wo sie einige Artikel für den Verkauf erworben haben – Kleidung, Unterwäsche, Uhren, Schirme.

“Wir müssen noch herausfinden, was sich am besten verkauft”, erklärt Nélia. “Wir haben uns entschlossen es zu versuchen, da wir beide keine Arbeit haben und uns in Portugal niemand in dieser Situation hilft. Der Staat tut nichts zur Unterstützung. Ich wurde aus meiner letzten Stelle ohne Ankündigung entlassen, ohne Anspruch auf Arbeitslosenhilfe... gar nichts. Wir haben vier Kinder, um die wir uns kümmern müssen, im Alter von 14, 12, 11 und 5 Jahren. Und wir können ihnen nicht garantieren, dass sie morgen etwas zu Essen auf dem Tisch haben. Also bleibt uns nur, es irgendwie zu versuchen, auch wenn ich so meine Zweifel hege, dass es ein Erfolg wird”.

Zwischen den verschiedenen Waren, die das Paar auf seinem Tisch ausgebreitet hat, befinden sich Sweatshirts von ausgezeichneter Qualität. Jedes Teil kostet nur 5 Euro. Man kann sich kaum vorstellen, dass es möglich ist, so einen Gewinn zu erwirtschaften.

Rui Pedro hatte einen traditionellen Handel in Lagos. “Ich hatte drei Geschäfte – aber die sind mit Lagos untergegangen. Da läuft heute nichts mehr. Ich musste einen Laden nach dem anderen dicht machen. Wir konnten die Mieten nicht mehr bezahlen! Nun liegt unsere ganze Hoffnung darin, dass das hier funktioniert”, sagt er.

Neben den portugiesischen Trödlern findet man auf dem Markt in Barão de São João Brasilianer, Franzosen und einige Briten. Ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen.

Dave und Emma, ein Ehepaar aus Yorkshire, kamen vor einem Monat an der Algarve an. Sie sind mit ihrem Wohnmobil voller Waren – Taschen aus Thailand und Glasschmuck den Dave fertigt – für die Märkte an der Westalgarve aus England gekommen.

“Im Sommer leiten wir ein Café auf einem Festival in England. Auf diese Art verdienen wir Geld in unseren Ferien, und es hilft uns, besser über die Runden zu kommen”.

Die französische Künstlerin Alix findet auch, dass der Markt in Barão de São João eine “ausgezeichnete Gelegenheit ist, Menschen kennen zu lernen”. Sie verkauft Bilder, Ledersachen und Schmuckstücke aus dem kleinen Wohnwagen, in dem sie mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn lebt.

In der Woche verdient das Paar sein Geld mit der Arbeit auf einem Biohof. An Sonntagen verkaufen sie ihre Produkte und Artefakte auf den Märkten und Messen. “Wir haben nicht viel Geld”, lächelt sie. Aber wir haben ein schönes Leben”.

Palmira Reis und ihre Mutter Beatriz Glória, aus Portimão, sind regelmäßig auf den Märkten in Barão de São João und Aljezur.

“Wir wollen damit nur unser Einkommen etwas aufbessern”, erklärt Palmira. “Ich arbeite als Buchhalterin in Portimão, aber es ist gerade alles nicht so leicht. So viele Firmen schließen! Ich muss etwas mehr für meinen Lebensunterhalt tun”, sagt sie.

Rui ist an den Wochentagen Straßenverkäufer in Praia da Rocha. An den Wochenenden verkauft er Nippes auf den Flohmärkten. “So komme ich ein bisschen zuhause raus”, gesteht er. “Zurzeit ist es fast unmöglich Geld zu verdienen. Heute zum Beispiel habe ich nicht einen einzigen Euro eingenommen!”

“In Spanien gibt es jeden Tag Flohmärkte. Wenn das hier auch so wäre, würde es mehr Sinn machen, damit Geld zu verdienen – aber nicht jetzt, während einer Krise! Es hat momentan einfach niemand Geld!”

Professionelle Trödler

Laut Liliana Neto vom Kulturverein Vila Real de Santo António, werden seit 1998 Flohmärkte in der Stadt organisiert. Davor gab es sie dort nicht, aber heute ziehen sie hunderte von Menschen an, viele aus unserem Nachbarland Spanien.

Hier aber ist das Rezept ein anderes. Obwohl jeder verkaufen kann, gibt es hauptsächlich Antiquitäten. Im Schnitt sind es 30 Stände und keiner von ihnen hat Kleidung, Schuhe oder Elektrogeräte im Angebot. Noch strikter ist der jährlich stattfindende Antiquitätenmarkt im Kulturzentrum António Aleixo. In diesem Jahr läuft er vom 10. bis 18. Juli.

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Bruno Filipe Pires, 15 Jan 2009 01:00, Ohne Kommentare »
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