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Die geheime Welt der wilden Pilze

Manch einer hat Angst vor ihnen, andere lieben sie. Essbar, halluzinogen oder sogar tödlich sind sie sowohl faszinierend als auch unheimlich. Sie wachsen ab den ersten Regenfällen im Oktober auf feuchter Erde. Bis April beschenkt uns die Natur mit vielen Arten wilder Pilze und sie zu sammeln wird für immer mehr Menschen attraktiv. Mitten in der Erntezeit treffen wir das Ehepaar Dias, aus São Marcos da Serra, das seit 20 Jahren Pilze aus den Bergen der Algarve ins Ausland exportiert. Außerdem haben wir auch mit der Amateur-Mykologin Ana Frutuoso über die Sorge von Umweltingenieuren bezüglich dieser natürlichen Ressourcen gesprochen. Begeben Sie sich mit uns auf eine ganz besondere Reise.
Bruno Filipe Pires, Ausgabe 615 (25 Feb 2010), Ohne Kommentare »
Bruno Filipe Pires

Die “Hauptstadt” der Pilze

Tagsüber scheint São Marcos da Serra in Vergessenheit geraten zu sein.

Aber in der Nacht herrscht Trubel vor der Tür von Hortense Dias und ihrem Mann Manuel Bombarda. Kühl-Lieferwagen machen einen Abstecher ins Zentrum der Stadt, um ein köstliches Produkt zu liefern.

Hortense, 53 Jahre, erinnert sich, dass sie erstmals 1990 Kontakt zu der Welt der wilden Pilze hatte.

Sie betreibt weiterhin ein Einzelunternehmen, aber in das Netzwerk sind inzwischen über fünfzig Sammler involviert – aus der ganzen Serra do Caldeirão, Monchique und sogar den Ebenen von Ourique.

Tausende verschiedener Pilze warten auf ihre Bestimmung, den Kühlraum des Paares.

Von hier aus kommen sie in die Supermärkte der Länder Spanien, England, Frankreich oder auch die Schweiz, wo sie frisch ankommen. Mit ein bisschen Glück, kehren sie vielleicht aber auch verarbeitet nach Portugal zurück.

In diesem Jahr “ist eine große Menge abgegangen”, mehr als eine Tonne seit Oktober. Jede Qualität hat ihren Marktpreis.

Der wertvollste ist der Pfifferling (Cantharellus cibarius).

Das Paar kauft ihn für 15 Euro pro Kilo von den Sammlern, manchmal zahlen sie auch mehr.

In diesem Jahr hat der Preis aber die Schwelle von fünf Euro noch nicht überschritten, da es sie in Hülle und Fülle gibt.

Bald, im März, gibt es weitere Sorten, wie den “Ponderosa-Wulstling” (Amanita ponderosa). Während der ganzen Saison handelt das Paar mit zehn verschiedenen Qualitäten, die man auch bei ihnen direkt kaufen kann.

Die Ernte besorgt die Umweltingenieure

“Wilde Pilze gibt es nur in der Umgebung des Waldes”.

Sie spielen hinsichtlich des Gleichgewichts des Ökosystems eine grundlegende Rolle, “da sie organisches Material abbauen oder mit den Wurzeln der Bäume verbunden sind”.

Die Erklärung kommt von Ana Frutuoso, aus dem NRS-APEA (Núcleo Regional do Sul da Associação Portuguesa de Engenharia do Ambiente), die es als wichtig erachtet, die Forstwirtschaftler und die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, diese natürliche Ressource zu schützen.

Die Pilze sind “Verbündete der Forstwirtschaft, da das Einkommen um einiges erhöht werden kann, wenn all die Möglichkeiten für den Grund beachtet werden”, sagt er.

Um sich ein Bild zu machen berichtete Rui Simão, Ingenieur bei «Ecofungos», einem mykologischen Verein mit Sitz in Lissabon, unserer Zeitung, dass “schätzungsweise jährlich 1,5 bis 2 Millionen Euro in Pilzen verloren gehen, die von portugiesischen Sammlern gepflückt werden und an spanische, französische oder italienische Zwischenhändler verkauft werden”.

Der Wert wird auf der Grundlage von Daten anderer pilzbezogener Organisationen und dem Zentrum für Mykologie der Universität Lissabon berechnet.

Die Zahl der Sammler zu erfassen, die heute in den Hügeln der Algarve unterwegs sind, ist ebenso eine schwierige Aufgabe, wie zu ermitteln, wem welches Stück Land gehört.

Das sagt Frutuoso, die die Nachhaltigkeit dieser Ressource in Monchique im Rahmen ihrer Diplomarbeit studiert hat.

“Das Problem ist, dass die Leute zu viel und falsch sammeln”, gibt Frederico Vieira zu bedenken, der auch als Ingenieur und Vorstand bei NRS-APEA tätig ist.

Es ist aber eigentlich ganz einfach, man sollte nur die reifen Pilze ernten, damit sich die jüngere Generation für das nächste Jahr vermehren kann.

Gibt es kein Pilzgesetz?

“Zurzeit nicht. Es gibt keine Regularien oder Gesetzgebung hinsichtlich der Ernte von wilden Pilzen. Das Einzige was es gibt, ist das Bürgerliche Gesetzbuch, das das Betreten von Privatgrundstücken behandelt”, werden wir informiert.

In Spanien hat bereits jede Region ihre eigenen Gesetze.

Aber die Tage der Anarchie in den Wäldern sind gezählt.

Im September 2009 wurde im «Diário da República» der sogenannte “Código Florestal” veröffentlicht, der das gesamte Forstrecht umfasst, das in der Vergangenheit existiert hat.

Obwohl es bisher nicht in Kraft getreten ist, bietet es neue Regeln und Definitionen.

Zum Beispiel wird zwischen dem Sammeln für den eigenen Verzehr und für kommerzielle Ziele unterschieden.

Zukünftig wird der “kommerzielle” Sammler eine Lizenz brauchen, und es gibt ein Limit von fünf Kilos pro Tag.

Es wird ihm zudem verboten sein, Pilze in der Nähe von Industriegebieten oder Müllhalden, sowie an Straßenrändern zu pflücken.

“Das ist so, weil der Pilz ein Bio-Akkumulator für Schwermetalle ist”, erklärt Frederico Vieira.

Genüsse, die tödlich enden können

Der Versuch diese Köstlichkeiten der Natur auf den Tisch zu bringen, hat oft zu schlimmen Vergiftungen und Todesfällen geführt.

Vor allem im Norden Portugals.

Wenn man bedenkt, dass “fast 99 Prozent nicht genießbar sind”, ist das Sammeln wilder Pilze auf eigene Faust alles andere als sicher.

Allein bis Ende Dezember 2009 erhielt das Giftinformationszentrum (CIAV) 31 Anrufe von Personen mit Symptomen von Vergiftungen durch Pilze.

Für Ana Frutuoso ist Information der Schlüssel für das Überleben.

“Man darf niemals einen Pilz nur an seinem Hut identifizieren. Es ist nötig einige andere Charakteristiken hinzu zu ziehen, wie Fruchtkörper, Lamellen, Geruch, um eine Art korrekt zu spezifizieren.

Die schönsten und ansprechendsten sind oftmals die gefährlichsten”, weiß sie.

Eine andere große Gefahr “ist die Gewohnheit”. Ohne die entsprechende Aufmerksamkeit bezahlt auch der erfahrenste Sammler einen Fehler leicht mit seinem Leben.

Um eine Vorstellung zu bekommen: Einige Arten enthalten Amanitin (ein tödliches Gift), das die Leber angreift und den Tod aufgrund von Leber- oder Nierenversagen verursacht.

“Es reichen 20 Gramm Grüner Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), um einen Menschen von 80 Kilo Körpergewicht zu töten.

Das Schlimme ist, dass sich manchmal die Vergiftungserscheinungen erst nach zwei Wochen zeigen”. Auch hohes Erhitzen ist da keine Rettung.

Die Gifte sind hitzebeständig und jeder Zubereitung resistent.

Der landläufige Glaube, dass Giftpilze Gegenstände aus Silber oder Knoblauch dunkel färben oder dass Pilze für den menschlichen Verzehr unbedenklich sind, wenn Tiere sie fressen, sind völlig haltlos.

Neue Möglichkeiten

Aber es gibt auch die andere Seite und Frutuoso zählt circa 15 Arten auf, die an der Algarve wachsen, die man sicher essen kann.

Ein gutes Gebiet um sie zu finden ist feucht, mit gesunden Bäumen und ein paar grünen Büschen.

“Die meisten Speisepilze gehören zu den Mykorrhiza.

Diese können nur in Symbiose mit Bäumen leben, und die Bäume benötigen sie, um leichter an Wasser und Nährstoffe zu gelangen.” So können Zonen, die von Waldbränden verschont geblieben sind, ganze Adern dieser Leckerbissen beherbergen.

Im Gegensatz zum Alentejo bieten die Restaurants der Algarve eher selten Wildpilze an. “Aus Angst. Es gibt kein System für die Qualitätsgarantie, keine Etiketten, nicht einmal Quittungen”, sagt Vieira.

Außerdem “existieren nicht viele Studien über Pilze in Portugal.

Man kann sie an einer Hand abzählen.

Und hier an der Algarve gibt es Arten, die in den wenigen veröffentlichten Pilzführern nicht gelistet sind”, erklärt er.

Vielleicht kommt es daher, dass die beiden Umweltingenieure sich einig sind, dass die Mykologie ein Geschäft ist, das noch immer relativ unerforscht ist, voller zu erkundender Nischen, und mit großem lukrativen Potenzial. Sofern man die Risiken kennt...

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