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Kriminalität in der Algarve
Unsicherheit an der Algarve – wie lange noch?

Die Nacht brach gerade herein. Kurz nach 19 Uhr, am 9. Januar. Eine britische Familie (er lebt seit 25 Jahren in Portugal, sie seit 15) bereiten sich auf das gemeinsame Abendessen mit ihren beiden Kindern, 12 und 13 Jahre, vor.
“Ich erinnere mich nur noch, ein “Klick” am anderen Ende des Hauses gehört zu haben und das erschrockene Bellen des Hundes”, erzählt uns Sarah (Name wurde geändert). Plötzlich kamen vier maskierte Männer den Flur runter gerannt und brüllten: “Geld, Schmuck! Geld, Schmuck!”.
Sie sind in das Haus in Sobradinho, Loulé, durch ein Fenster eingebrochen. Mit Pfefferspray bewaffnet, begannen sie mit Baseballschlägern und Eisenstangen Gewalt auszuüben.
Sie sperrten das Ehepaar in eines der Schlafzimmer und die Kinder in ein Bad ein. Die Männer krempelten das gesamte Haus um. Sie verlangten die Kreditkarten und sagten, sie würden zu dem nächstgelegenen Geldautomaten gehen, um Geld abzuheben. Der Albtraum dauerte über eine Stunde.
Trotz ihrer Brutalität schafften es die Verbrecher nicht, die Garage zu öffnen und das Auto der Familie zu entwenden. Ansonsten nahmen sie alles mit, was sie konnten - Computer, Spielkonsolen, Film- und Fotokameras, Kleidung, fast 100 Euro Bargeld, sogar Getränke und die Eheringe des Paares.
Nachdem die Räuber weg waren, schaffte es das Paar, die Notrufnummer 112 zu wählen. Der 62-jährige Brite fühlte sich während des Überfalls immer schlechter, bedingt durch sein Herzproblem. Eine Ambulanz der Feuerwehr Loulé wurde zu dem Haus geschickt.
Noch unter Schock der Gewalt, die in ihr Haus gedrungen war, berichtet das Paar unserer Zeitung, dass, soweit sie es mitbekommen konnten, einer der Gangster Portugiese gewesen sein muss, zwei sprachen einen brasilianischen und der vierte einen osteuropäischen Akzent.
Zeitweilig ist die Familie in einer Wohnung in der Nähe anderer Familienmitglieder in Vilamoura untergebracht, berichtet uns aber, dass sie immer noch Angst hat, in ihr eigenes Haus zurückzukehren. In der selben Woche, in der sie ausgeraubt wurde, gab es bereits am 5. Januar einen Einbruchversuch in ihr Haus.
Das Problem mit der Unsicherheit betrifft alle Nationalitäten. “Wir leben hier wie Gefangene. Ich kann nicht weiter weg fahren, weil ich immer damit rechnen muss, dass das Haus ausgeräumt ist, wenn ich wieder komme”, berichtet uns João Luís (Name wurde geändert), portugiesischer Maler, der seit neun Jahren in der Umgebung von Loulé lebt. Sein Haus liegt nur wenige Meter von dem Haus der überfallenen britischen Familie entfernt.
“Wir sind von der Diktatur in eine Pseudo-Demokratie geraten, die aber eigentlich eine Anarchie ist. Die Konsequenzen sind offensichtlich”, kritisiert er. “Ich betrachte Sicherheit als ein Recht, und keiner kann unter solchen Umständen in einem Land leben, das von sich behauptet, europäisch zu sein”, sagt er und bezieht sich dabei auf die Erfahrung, die er gesammelt hat, als er in Schweden, Frankreich und Holland gelebt hat.
Diese Meinung teilt auch seine Nachbarin Cristina Gasser. Auf der Suche nach einem ruhigen Rentnerleben mit ihrem Ehegatten, einem ehemaligen IT Ingenieur eines bayerischen Automobilherstellers, kam sie aus Deutschland nach Südportugal. Sie leben seit acht Jahren hier. Jetzt überlegen sie, zurück zu gehen.
“Was uns wirklich Sorgen bereitet ist die Gewaltbereitschaft gegenüber den Menschen. Früher wurden nur leerstehende Häuser ausgeraubt. Heutzutage wird überall und jederzeit eingestiegen”, sagt sie unserer Zeitung. “Die Bewohner werden misshandelt, selbst wenn sie bereit sind, alles auszuhändigen”.
In der Tat. Im vergangenen Dezember wurden ein schweizer und ein deutsches Paar mit einer enormen Brutalität in ihrem eigenen Haus überfallen. Den aggressivsten Einbruch erlebte ein weiteres schweizer Ehepaar in der Gegend von Almancil. In dem Fall raubten die Gangster das Paar nicht nur aus, sondern vergewaltigten zudem die Hausbesitzerin – eine Dame von 77 Jahren.
“Einbrecher machen sich immer neue Strategien zunutze, um in die Häuser einzudringen. Sie gießen Wasser unter der Eingangstür durch, um die Eigentümer des Hauses neugierig zu machen. Sie sind dreist”, sagt Gasser.
Die Lösung? “Im Grunde ist es ein politisches Problem, weil der GNR logistische und legale Mittel fehlen, die Bürger zu schützen. Wenn ein Polizeibeamter während einer Verfolgung das Auto beschädigt, muss er den Schaden aus eigener Tasche begleichen. Das gibt es in keinem anderen europäischen Land. Diese Voraussetzung ist nicht gerade motivierend für die Polizei”, sagt sie.
Das Chaos in der Region, das aus den Immobilienspekulationen herrührt, erleichtert kriminelle Aktivitäten. Das ist an der ganzen Algarve so.
Hier, “erlaubt das Gesetz nur zu bauen, wo Ruinen stehen”, aber das schützt nicht davor, dass neue Baugebiete erschlossen werden. “Ich habe das Foto derselben Ruine bei drei verschiedenen Projekten gesehen”, berichtet uns Gasser.
Dieser Mangel an Referenzpunkten veranlasste eine Gruppe Residenten aus Sobradinho die Initiative zu ergreifen, etwas, was sie eigentlich von den zuständigen Behörden erwartet hatten.
Sie haben einen Plan erstellt und darauf die Wohnsitze nummeriert, die nun alle per GPS geortet werden können. Der Plan wurde im November der GNR von Loulé übergeben.
Einen Monat später begann die Polizei Loulé mit ihrem Programm “Sicherer Wohnsitz”, bei dem die örtlichen Patrouillen verstärkt und eine direkte Notrufnummer geschaffen wurde.
Trotzdem haben viele Residenten ihre Häuser zum Verkauf angeboten. Wo man hinschaut, findet man “Zu Verkaufen”-Schilder. “Hier sind die Leute besonders verzweifelt. Zum einen werden sie ihre Häuser nicht los, um den Verbrechen zu entkommen, zum anderen leben sie in Angst und fühlen sich bedroht”, erklärt Gasser.
Und während in der jüngeren Vergangenheit die Baubranche hier florierte, ist heute genau das Gegenteil eingetreten. José Manuel Pereira, ein lokaler Geschäftsmann mit Interessen im Bau, schaut einer ungewissen Zukunft entgegen.
“Ich habe eine Immobilie bei Alcaria/ Poço Geraldo zu bauen und weiß nicht, ob ich das Projekt angehen soll”, berichtet er uns.
“Jeden Tag sehe ich die Traurigkeit dieser wehrlosen Menschen. Sie sind nach Portugal gekommen, weil sie wissen, dass es ein sonniges Land mit freundlichen Menschen ist. Sie wissen, dass es den Portugiesen fern liegt, andere Menschen zu überfallen und sie dabei zu verletzen oder gar zu töten. Nur wer aus Ländern kommt, in denen die soziale Realität sehr schwierig ist, wendet solche barbarischen Methoden an”, sagt er und verweist damit auf die europaweit geöffneten Grenzen. “Heute ist es so, dass wir nicht mehr wissen, wer aus niederen Beweggründen oder mit guten Absichten herkommt”, schließt er.
“Portugal wird viel verlieren, weil die Menschen die hier leben das Land verlassen wollen. Viele von ihnen arbeiten hier und beschäftigen Portugiesen. Es wäre besser, wenn die Regierung statt in Luxusprojekte in die Ausbildung der Polizeikräfte investieren würde und ihnen die nötigen Mittel zukommen lassen würde”, schließt Gasser.







