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Lagos der Sklavenzeit
Die dunkle Seite der Entdeckungen

Die erste Frage hat mit Ihrer archäologischen Arbeit zu tun. Wann hat sie begonnen? Wie viele Menschen waren involviert?
Maria João Neves: Wir haben im Januar 2009 mit den Ausgrabungen an der damaligen Baustelle des Parkplatzes Anel Verde, in Vale da Gafaria, Lagos, begonnen. Die Grabung waren von Anfang an gedacht, um archäologische Funde sicherzustellen, die an diesem Ort vorhanden sein könnten. Es war eine so genannte “vorbeugende Maßnahme”.
Im Grunde wäre die Stelle ohne die dort anstehenden Bauarbeiten und diese Maßnahme nie entdeckt worden. Die fünfmonatigen Arbeiten dort involvierten 30 Fachkräfte, darunter Archäologen, Anthropologen und Geomorphologen.
Wie sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass dies ein “Sklaven-Friedhof” ist? Wie haben Sie ihn gefunden?
Als wir das Terrain betraten, war unser Ziel, so viele Daten wie möglich über alle archäologischen Überreste zu sammeln, die auf diesem Gelände existieren könnten. Wir begannen, eine Reihe von archäologischen Untersuchungen durchzuführen und haben nicht nur eine große Ansammlung städtischen Mülls gefunden, der sich zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert dort angesammelt hat, sondern auch menschliche Skelette. Sie waren mitten in der Müllkippe und um eine Senke von etwa sechs Meter Tiefe.
Die morphologischen und metrischen Merkmale der Schädel der Personen und das damit verbundene archäologische Material konnten wir identifizieren und Sklaven aus Afrika zuordnen.
Dieser Brauch, sich auf diese Weise der toten Sklaven zu entledigen, ist auch in historischen Quellen dokumentiert. König D. Manuel I. gab 1515 den Erlass, Schächte auszuheben, um zu vermeiden, dass die Sklaven einfach auf den Straßen liegen gelassen wurden, wo sie von Hunden weggeschleift und gefressen würden.
Auch diejenigen, die die extrem schwierigen Arbeitsbedingungen in der Gefangenschaft nicht verkrafteten, wurden dort begraben – lebendig.
Wie kommt es, dass Lagos zu einem Zentrum der Sklaverei wurde? Warum ausgerechnet diese Stadt?
Lagos spielte eine führende Rolle im Sklavenhandel, weil der Hafen zu Zeiten der Entdeckungen einer der wichtigsten war – an denen, wie wir wissen, auch Infante Dom Henrique beteiligt war, der damals in dieser Stadt gelebt hat und die Rechte an dem Sklavenhandel innehatte.
Haben die Ausgrabungen in Lagos etwas Neues über die soziokulturellen Bedingungen, in denen die Sklaven gelebt haben, gebracht?
Ja, es hat uns eine einzigartige Gelegenheit gegeben, objektiv die Behandlung einer Reihe afrikanischer Sklaven zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert vor und nach ihrem Tod zu dokumentieren.
Durch das Skelett, das direkteste Überbleibsel unserer Vorfahren, lernen wir Aspekte dieser Person kennen – wie zum Beispiel Alter, Geschlecht, Größe oder Abstammung.
Viele der Knochenläsionen sind übrigens typisch für eine schlechte Ernährung. Es gibt auch Anzeichen von Gewalt, sowohl direkter als auch indirekter – insbesondere Beweise, dass diese Menschen an Händen und Füßen gefesselt waren.
Wie hat die akademische Gemeinschaft auf diese Entdeckung reagiert? Was sind die nächsten Schritte?
Die akademische Gemeinschaft hat sich sehr für diesen Fund interessiert. Mit dem Effekt, dass das Dryas-Team (www.dryas.pt) in Zusammenarbeit mit der Universität Coimbra und UNESCO-Forschern dort seit 2009 Forschungsarbeiten entwickelt hat. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt, das von der Calouste Gulbenkian Stiftung finanziert wird.
War das die dunkle Seite des so gelobten Zeitalters der Entdeckungen?
Ja, man kann sagen, dass dies eine sehr negative Seite im Kontakt mit anderen Völkern und anderen Regionen war.
Er wurde als ein in der ganzen Welt einmaliger Fund bekannt. Warum?
Es gab auch anderenorts in Portugal und auf den amerikanischen Inseln Sklaven-Friedhöfe – aber keine in Zusammenhang mit einer Müllkippe. Zudem ist er einer der ersten Friedhöfe überhaupt – die restlichen wurden auf spätere Perioden datiert, ins 17. bis 19. Jahrhundert. Das macht diesen Fund so einmalig.
Es sind einige Orte in Brasilien bekannt, wie der Friedhof der „Pretos Novos“ (neuen Schwarzen) in Rio de Janeiro. Wurden in Portugal bereits mehr gefunden?
In Portugal erwähnen geschichtliche Quellen die Existenz in anderen Städten, wie Lissabon oder Elvas, aber bisher wurden keine ausgegraben.
Haben Sie neben den Skeletten noch etwas auf dem Terrain gefunden?
Neben den 155 Skeletten wurden auch zahlreiche archäologische Überreste (Keramiken, Metall, Tierknochen) gefunden, die zu den Dingen gehörten, die die Bewohner von Lagos weggeworfen haben. Diese Objekte sind besonders informativ hinsichtlich Lebensstil, Gewohnheiten, Bräuchen, sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen in der Stadt von damals. Beispielsweise wurden Tausende von Keramik-Fragmenten gesammelt, viele von ausländischen Fabrikaten (vor allem italienische und spanische), die die handelspolitische und wirtschaftliche Vitalität dieser Hafenstadt veranschaulicht.
Was passiert an dem Fundort?
Heute ist er ein Parkplatz. Der portugiesische Ausschuss der UNESCO für die “Sklavenroute”, unter der Leitung von Isabel Castro Henriques, sieht ein Denkmal an der Stelle vor. Es ist auch eine multidisziplinäre Forschungsstelle in Lagos geplant.
Kann die Öffentlichkeit die archäologischen Überreste sehen?
Sie kann bereits einen Teil in der Ausstellung sehen, die noch im Sklavenmarkt installiert ist. In Zukunft werden neue Initiativen organisiert, wo die anderen Funde besichtigt werden können. Der archäologische Bestand aus dieser Stätte ist riesig.
Eine letzte Frage. Hat diese Entdeckung in menschlicher Hinsicht etwas in Ihrem Leben verändert?
Zweifelsfrei. Ich denke, dass es auf alle, die involviert waren, tief greifende Auswirkungen hat – sowohl auf das Forscherteam, das die Fundstätte untersucht hat, als auch auf die Ingenieure der Baustelle. Die Tatsache, dass wir alle direkt die Skelette von Erwachsenen und Kindern – in den Positionen, wie sie aufgefunden wurden – gesehen haben, ist sicherlich etwas, das sehr verstört und uns dabei hilft, eine Geißel zu studieren: die Sklaverei, die leider heute noch Millionen von Menschen auf der ganzen Welt unterjocht.








