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Ausgabe 729
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«Meio Metro de Pedra»

Geschichten aus der Zeit, als der Rock jung war

Zum ersten Mal wurde in Portugal die Geschichte des nationalen Rock’n’Rolls, von seiner Gründung in den späten 50er Jahren bis heute, dokumentiert. Inspiriert von Bands wie den Shadows, Bill Haley und den Beatles, haben rund 3.000 Gruppen von Norden bis Süden ein konservatives, in sich abgeschlossenes und gegen jede Art von Respektlosigkeit eingestelltes Land erschüttert. Es ist eine kurze und etwas obskure Geschichte, die es aber immer noch verdient hat, erzählt zu werden. Das hat der junge Regisseur Eduardo Morais, 25, getan. Sein unabhängiger Dokumentarfilm «Meio Metro de Pedra» wurde am vergangenen Wochenende an der Algarve gezeigt. Wer erinnert sich schon an die Zeit, als der Rock noch jung war?
Ausgabe 708 (15 Dez 2011), Ohne Kommentare »

„Es ist nichts, das ich geerbt hätte, das mir übertragen wurde, und keiner aus meiner Familie diente mir als Zeuge. Es war etwas, das mich von dem Moment an, als ich es entdeckte, tiefer und tiefer graben ließ“, sagt Eduardo Morais über seine Debütarbeit als Regisseur.

“Ich wollte eine bilderstürmerische Betrachtungsweise und eine bestehende Lücke schließen. Es ist langweilig, immer nur das gleiche zu hören“, das heißt über einige Künstler, die als Väter des portugiesischen Rock’n’Rolls in den frühen 1980er Jahren gelten.

„Tatsächlich stecken da aber viel mehr Menschen dahinter. Vielleicht auf unabhängigere Weise, eher „underground“ – aber dennoch sehr wichtig für diese Gegenkultur, wie ich es gerne nenne“, meint er.

Der junge Filmemacher sagt, dass der Anstoß zu all dem die Compilation «Portuguese Nuggets - A trip to 60’s Portuguese Beat Surf and Garage Rock» war, die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde.

„Ab da war mein Interesse geweckt. Wie kann es sein, dass es in den 1960er Jahren so tolle Bands in Portugal gab und man nichts darüber hört?“

Ein Beispiel, das er gerne nennt, sind die «Jets». Obwohl eines der ursprünglichen Mitglieder, der Schriftsteller und Journalist João Alves da Costa, relativ bekannt ist, so ist es die Band, in der er Schlagzeug gespielt hat, nicht wirklich.

Die Vorläufer des Psychedelic Rock in Portugal, die «Jets», hatten einen praktisch unerschlossenen Sound. Berichten aus der Zeit zufolge, hat die Band im Jahr 1965, damals bestand sie bereits fünf Jahre, ihr Publikum in ein totales Delirium versetzt.

Für Eduardo Morais war es auch eine Reise in eine andere Welt. „Wir hatten in den 60er Jahren große Probleme bei den Aufnahmen. In dem Dokumentarfilm berichtet die Sängerin Madalena Iglésias“, die damals mehrfach zur “Königin des Radios” gewählt wurde, dass es „fast ein nationaler Feiertag war, als es in Portugal die ersten Acht-Spur-Aufnahmen gab“.

„In Bezug auf die Bedingungen waren wir im Vergleich zu Spanien oder Frankreich sehr rudimentär. Aber in Bezug auf die musikalische Qualität denke ich, hatten wir Bands mit Charisma“, sagt er. Der Beginn der Kolonialkriege im Jahr 1961 hat eine ganze Generation betroffen – auf unterschiedliche Weisen. „Zweifelsfrei hat der Krieg viele der Bands zerstört, die sich auflösten, als die Musiker in die Armee eingezogen wurden“.

Die meisten sind nie wieder zur Musik zurückgekehrt. „Von denjenigen, mit denen ich in meiner Doku geprochen habe, ist der einzige aus der Zeit, der noch aktiv ist, Filipe Mendes“, der als Musiker den Künstlernamen Phil Mendrix verwendet. Und obwohl er ein wahrer Magier der Blues-Gitarre ist, ist er immer noch nahezu unbekannt, selbst unter vielen Portugiesen.

Aber es gibt noch mehr stille Helden. „Victor Gomes sagt, er fühlt sich sehr ungerecht behandelt. Er ist ein Mann, der im Jahr 1957 als König des Twist in Mosambik galt. Als er nach Portugal kam, hat er mit der Band «Gatos Negros» zwischen 1963 und 1967 wunderbare Auftritte gegeben.“

Er meint, dass er es war, der den Geist des Rebellen und schwarze Lederjacken nach amerikanischem Vorbild nach Portugal gebracht hat. Auch heute noch ist es dieser Künstler, der die meisten Konzerte in dem berühmten Kabarett Maxime in Lissabon gibt. Und vor nicht allzu langer Zeit hat er ein Bildhaueratelier an der Algarve eröffnet...

Um den Film zu realisieren, hat der Regisseur von der Gemeinde Caldas da Rainha, aus der er stammt, finanzielle Unterstützung in Höhe von 2.500 Euro erhalten, die „mit viel Verspätung“ kam. Er hat fast die ganze Arbeit allein gemacht. „Das Gesamtbudget kann ich nicht genau bestimmen, aber als ich es das letzte Mal überschlug, waren es über 3.000 Euro allein an Reisekosten“, berichtet er.

Während der Vor-Produktion hat er „viele Stunden damit verbracht, in der Bibliothek Lissabon in Zeitungen zu forschen. Es sind Kopien eines Magazins für Musik, Veranstaltungen und Kino namens «Plateia» verfügbar, die jüngst in den öffentlichen Bereich fielen. Für mich war dieses Archivgut extrem wichtig“, sagt er.

Es ist interessant, weil das «Plateia» einerseits aufstrebende neue Projekte unterstützt, als auch als Sprachrohr, besonders für den Rock’n’Roll, dient. „Ja, ja. Ich habe mehrere Cartoons, die zeigen, dass der Rock´n´Roll-Fan nicht gerne arbeitet, nicht gerne badet und sich auch nicht gern die Zähne putzt.“

Auch das Salazar-Regime hat diese Klänge mit Antipathie beäugt. In einem Jahrzehnt der Innovationen und Experimente versuchten viele Bands das, was im Radio gespielt und gelegentlich an aus dem Ausland mitgebrachten Platten gehört wurde, zu kopieren.

„Es gab eine Band, die «Steamers», die bei ihren Auftritten ein Tuch mit dem Wort “Freiheit“ über das Keyboard hängten. Eines Abends kam die Internationale Staatsschutz-Polizei (PIDE) und forderte sie auf, es zu entfernen, sonst würden sie verhaftet. Das war im Jahr 1969.“

“Ich habe keine Archiv-Videos, weil alles von vor dem 25. April 1974 (und an dem RTP die Rechte besitzt) viel Geld kostet. Ich hatte sogar einige Treffen in Valentim de Carvalho und mir wurde ein Beispiel gegeben, dass ich gleich Angst bekam. Die Verwendung eines Stückes des «Quarteto 1111» in einer Dokumentation dieser Art würde etwa 1.000 Euro pro Minute kosten!

„Natürlich gab es viele Dinge, die weggelassen wurden, und es war ein ständiges Bemühen, die Bürokratie diesbezüglich zu umgehen. Das Material, das ich verwendet habe, wurde komplett von den Künstlern, einigen Unternehmen und Privatpersonen gespendet“, erklärt er.

„Gewinn? Ich gehe mit einer DVD unterm Arm von Ort zu Ort, und wenn immer es möglich ist, lege ich als DJ auf, um die Unkosten zu decken“, sagt er. „Außerdem habe ich immer eine Menge CDs von verschiedenen portugiesischen Labels bei mir.“

In Faro fand die landesweit 22. Vorführung (und erste von drei an der Algarve) in nur zweieinhalb Monaten statt. „Das beweist, dass Interesse besteht. Es gibt immer eine Frage- und Antwort-Session am Ende, und ich sehe, dass die Neugier auf die 60er Jahre sehr hoch ist“, meint er.

Er versucht, zu jeder Vorführung von «Meio Metro de Pedra» ehemalige lokale Musiker einzuladen, daran teilzunehmen. „Ja, in Viseu, zum Beispiel, habe ich die «Tuberões», eine Band aus den 60er Jahren, eingeladen und in Vila Real die «Rangers», ebenfalls aus der Zeit. Als ich an der Algarve gefilmt habe, wollte ich unter anderem Miguel Silveira interviewen, den Schlagzeuger vom «Quarteto 1111». Ich denke, er lebt in der Nähe von Olhão, ist aber nicht gekommen, weil er kein Geld hatte“, bedauert Morais.

Mit diesem Projekt hat Eduardo Morais gelernt, dass „wir der Geschichte nicht viel Wert beimessen, und das ist komisch. Und wir beachten all das nicht, was politisch unkorrekt ist.“

In Zukunft, „wenn es gelingt, Geld zu bekommen“, schließt er die Möglichkeit einer DVD-Edition nicht aus. „Ich würde RTP gerne bitten, das zu finanzieren, aber im Moment zeigen sie die Dokumentarreihe «Estranha Forma de Vida», und ich glaube, es gibt aktuell kein großes Interesse an meiner Arbeit...“

Das nächste Projekt? „Das befindet sich noch in Embryonalphase, aber ich möchte einen Dokumentarfilm über Sammler von Vinyl-Schallplatten machen. Das ist etwas, das vom Aussterben bedroht ist, womit sich aber trotzdem noch eine Menge Leute beschäftigen.“

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