| Einloggen oder registrieren um einen Kommentar zu verfassen. | Ohne Kommentare. Verfassen Sie den ersten Kommentar. |
Isabel Jonet
Eine Sozialdiagnose

Seit bereits 20 Jahren widmet sich Isabel Jonet im Kampf gegen Hunger der Lebensmittelbank (Banco Alimentar, BA). Polen, Bulgarien und Angola sind die neuesten Länder, in die das Modell exportiert wurde. Die erste Frage, die wir ihr stellen, ist provokant. Wäre es in einem Land, das europäisch sein will, nicht normal, dass sich die Gesellschaft so entwickelt, dass eine solche Struktur gar nicht erforderlich ist?
„Nun, normal ist, dass Gesellschaften genug Wohlstand und Arbeitsplätze generieren, um alle Ressourcen zu absorbieren. Ich denke, was hier in Portugal schiefläuft, ist, dass es keine nachhaltige Entwicklung gibt“, sagt sie.
In der Tat haben die 19 Lebensmittelbanken eine steigende Nachfrage erlebt. „Die Hilfsorganisationen fragen nach mehr, weil sie mehr Hilfeersuche von Menschen erhalten, aber auch, weil sie selbst über immer weniger Ressourcen verfügen. Sie fragen nach Nahrungsmitteln, um Gelder in andere wichtige Bereiche ihrer Aktivitäten zu kanalisieren“.
In der Praxis bedeutet dies, vielen portugiesischen Familien zu helfen, die die „Krippen oder Altenheime“ nicht mehr zahlen konnten“. „Heute befindet sich in mindestens einem Fünftel der portugiesischen Haushalte ein Arbeitsloser. Daher müssen sie ihre Ausgaben einschränken – um einige kommen sie nicht herum, wie Kredite für den Wohnungsbau“, sagt sie.
„Die Institutionen, in denen sich Kinder oder alte Leute befinden, können diese nicht einfach vor die Tür setzen. Dies ist ein Problem, das sich in den letzten sechs Monaten verschärft hat“, sagt Isabel Jonet.
Eine Lösung kann die Nutznießung des „Sozialen Not-Programms“ sein, das vom Minister Pedro Mota Soares angekündigt wurde. „Es soll über 200 Millionen Euro verfügen und mit Institutionen zusammenarbeiten, die die Probleme von Grund auf kennen und bereits Arbeit geleistet haben. Ich glaube, es wird funktionieren, weil es keine andere Möglichkeit gibt“.
Die Diagnostikerin fährt fort: „Heute gibt es eine fürchterliche Sache, die Zwangsversteigerungen und rechtlichen und steuerlichen Zwangsvollstreckungen. Das Leben der Menschen ist zerstört. Sie befinden sich in einer sehr schwierigen Situation, oft mit Kindern, oft in Scheidungssituationen, denn wenn kein Geld da ist, werden Familien vernichtet, sie unterliegen ihren Problemen und haben nicht mehr ein Minimum an Balance in ihrem Leben“, beklagt sie.
In Bezug auf staatliche Beihilfen bedauert Jonet auch die vielen Vorurteile, von denen sie meint, sie seien „eine Ungerechtigkeit“. „Es gibt viele Menschen, die beschuldigt werden, die Mindestunterstützung oder Arbeitslosengeld zu bekommen, ohne zu arbeiten“, aber die Wahrheit ist, „dass sie keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt haben. Es sind Menschen, die so schlecht qualifiziert sind“, dass sie keine Arbeit finden können.
Auch das Alter ist ein Faktor der Ausgrenzung. „Für diejenigen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und 48 Jahre oder älter sind, ist es sehr schwierig wieder zu arbeiten, weil sie als zu alt für den Arbeitsmarkt gelten. Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten werden nicht mehr geschätzt“, bedauert sie.
Auf der anderen Seite „ist es absolut inakzeptabel, dass wir unsere Steuern zahlen, um jungen Menschen Hochschulstudiengänge zu ermöglichen, die dann in andere Länder auswandern, weil sie hier keine Arbeit haben. Es ist inakzeptabel, dass wir Ärzte aus dem Ausland importieren müssen und unsere eigenen Mediziner in die Tschechische Republik senden!“
„In der Tat gibt es viele Portugiesen, die Arbeitsplätze ausschlagen, wenn sie meinen, sie lägen unter ihrem Niveau. Es ist eine Schmach auf den Feldern zu arbeiten, Haushaltshilfe oder Kellner zu sein. Es muss sich etwas ändern, da dies eine Spirale ist, die nicht fortdauern kann.“
Der Vorsitzende der BA ist der Ansicht, „wir müssen den Wert der Dinge neu entdecken“. „Ich denke, wir erleben im Moment viele ökonomische Widersprüche, da uns unwirkliche Konsumbedürfnisse eingebläut wurden. Das ist eine der Perversionen der entwickelten Welt, in der wir leben“, fährt er fort.
„Zum Beispiel haben die meisten Portugiesen zwei Handys. Sie brauchen sie nicht. Aber es wurde eine Notwendigkeit für zwei geschaffen, weil sie denken, dass es billiger ist, zwei unterschiedliche Tarife zu haben. In Wirklichkeit ist es aber teurer, weil sie am Ende mehr Anrufe tätigen“, erklärt er.
„Es ist völlig unrealistisch, dass ein Paar heute sein gemeinsames Leben mit allen Elektrogeräten beginnt. Das führt dazu, dass Paare weniger zusammen aufbauen und keine Schwierigkeiten überwinden wollen“, meint er.
Für Isabel Jonet hat die Konsumgesellschaft aufgehört die „Opportunitätskosten“ wertzuschätzen – das Konzept ist direkt mit dem Prinzip der Ressourcenknappheit verbunden.
„Und in Portugal, denke ich, wurde die Wirtschaftsrelevanz des Euro nicht ganz verstanden. Ich denke, dass der Euro ein bedeutender Faktor war, der in die Armut geführt hat, weil die Menschen das Verständnis für ihr Geld verloren haben“, sagt sie.
Hinsichtlich der Zukunft, so glaubt Jonet, dass die zweite Hälfte des Jahres 2012 besonders schwierig wird. Aber sie sieht ein Licht am Ende des Tunnels.
„Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre ein Schuldenerlass, wie in Griechenland. Wir wären von den Finanzmärkten für 10 oder 20 Jahre ausgeschlossen. Völlig unglaubwürdig und niemand würde uns mehr Geld leihen.“
„Jeder von uns muss in der kommenden Zeit widerstandsfähiger werden. Wir brauchen diesen Wahnsinn an Konsumgütern nicht“, sondern sollten das Leben anders betrachten und das nutzen, was wir haben.
Mildtätigkeit in Zahlen
Im Jahr 2010 haben die 19 Lebensmittelbanken mehr als 27.000 Tonnen Lebensmittel im Wert von 36 Millionen Euro verteilt. „Nur um Ihnen eine Idee zu vermitteln, es verlassen jeden Tag durchschnittlich 100 Tonnen Lebensmittel die Lagerhalle der BA in Lissabon“.
Die meisten dieser Produkte (Überproduktionen) würden aus rein kommerziellen Gründen vernichtet werden. „Letzte Woche hatten wir den Fall mit einer Ladung Thunfisch in Dosen, die auf Bestellung für Angola produziert wurde. Aber in der letzten Minute trat der Importeur von dem Geschäft zurück, und das Unternehmen hätte fast die gesamte Produktion vernichtet.
Es wäre ein Verlust, den sie ihrer Versicherung angeben, und dann wäre alles auf den Müll gewandert“. Dies ist nur nicht geschehen, weil sich einer der Mitarbeiter der Versicherung an die BA erinnert und zum Telefon gegriffen hat.
Mitte November werden wieder „36.000 Freiwillige, in einer organisierten Art und Weise,“ vom Norden bis Süden des Landes auf den Straßen sein, um Nahrungsmittel in Supermärkten einzusammeln.
„Wir müssen begreifen, dass wir Teil eines Ganzen sind. Niemand lebt allein in der Welt. Wenn wir das schaffen, haben wir alle gewonnen“, resümiert Isabel Jonet.







